Plakat Wir lieben Brahms

Programm

Erlaube mir, feins Mädchen
Waldesnacht, du wunderkühle
Abschiedslied – Ich fahr dahin
In stiller Nacht (Text nach Fr. Spee)
Meine Liebe ist grün Sarah Weller, Sopran
Nicolai Strauch, Klavier
Sonate op.1, 1. Sat Nicolai Strauch, Klavier
Sieben Deutsche Volkslieder für Vorsänger, Chor und Klavier:
  • Es stunden drei Rosen
  • Dem Himmel will ich klagen
  • Es saß ein schneeweiß Vögelein
  • Es war einmal ein Zimmergesell
  • Es ging sich unsre Fraue
  • Nachtigall, sag was für Grüß'
  • Verstohlen geht der Mond auf
--- Pause ---
Sonate op. 1, 2. Satz Nicolai Strauch, Klavier
Der Abend (Text: Fr. Schiller)
Oh wüsst ich doch Sarah Weller, Sopran
Nicolai Strauch, Klavier
Wir wandelten Sarah Weller, Sopran
Nicolai Strauch, Klavier
O schöne Nacht
Spätherbst
Abendlied (Text: Fr. Hebbel)
--- Ende ---
Zugabe: Wiegenlied

Ansage

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Liebe Konzertbesucher!

Ich begrüße Sie herzlich zu unserem Brahms-Abend. Brahms hat uns als Chor in der Vergangenheit immer wieder beschäftigt, er hat ja auch unendlich viel für das zu seiner Zeit so rege Chorleben komponiert. Vieles davon hat der Meller Madrigalchor im Laufe der Zeit einstudiert und vorgetragen. Die Liebeslieder waren darunter, die Zigeunerlieder ebenfalls und sogar – vor längerer Zeit – die Marienlieder.

Diesmal hat der Madrigalchor sich entschieden, andere Brahms-Lieder zur Aufführung heranzuziehen, Lieder im Volkslied-Ton, die bei aller Schlichtheit Brahms' künstlerisches Gespür nicht verleugnen können. Sie werden ergänzt durch konzertante Chorstücke, die einen Eindruck von seinem Einfallsreichtum und seinem Einfühlungsvermögen vermitteln.

„Lieben Sie Brahms?” fragt in Françoise Sagans gleichnamigem Roman der junge Simone seine Angebetete Paule. Er will sie ins Konzert einzuladen und hat dabei so seine Hintergedanken. Wir sagen ganz ohne Hintergedan­ken „Wir lieben Brahms” und wollen Ihnen das heute beweisen.

Einen Eindruck haben sie durch die ersten beiden Lieder sicher schon bekommen. „Erlaube mir, feins Mädchen, in den Garten zu geh'n” ist eine kokette Umschreibung dessen, was auch bei der Frage „Lieben sie Brahms” im Kopf herumspukt, man muss die feine Ironie nur heraus hören. Brahms ist nämlich gar nicht so ein Trauerkloß, wie ihn viele sehen. Er selber kolportierte amüsiert den Dichter Salomon von Mosenthal und dessen Äußerung: „Wenn's aber hoch hergeht und sie recht lustig sind, dann singen Sie: »Das Grab ist meine Freude.«”

So ganz von Ungefähr kommt diese Spitze allerdings nicht. Sie werden heute noch genug Gelegenheit bekommen, Brahms' Vorliebe für alles Verhaltene, Sanfte zu bemerken. Abend und Nacht haben ihn immer wieder angezogen und beschäftigt. So auch in dem übernächsten Beitrag „In stiller Nacht”.

Das Lied geht zurück auf ein Gedicht des Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld. Es ist entnommen seiner Sammlung „Trutznachtigall oder geistlich-poetisch Lustwäldlein”, die entstanden ist in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges – ein poetisches „Dennoch!”. Das betreffende Gedicht trägt dort den Titel „Travvr-Gesang von der noth Christi am Oelberg in dem Garten”. Das ist der Garten Gethsemane, in dem Jesus einsam betet vor seiner Gefangennahme, während die Jünger immer wieder der Schlaf übermannt. Brahms hat aber durch Umformulieren den religiösen Bezug herausgenom­men und sich auf vier der fünfzehn Strophen beschränkt.

Am Rande bemerkt: Friedrich Spee von Langenfelds großes Verdienst ist es, gegen den Hexenwahn seiner Zeit Stellung bezogen zu haben, nämlich in seiner Veröffentlichung Cautio Criminalis – „Rechtliche Bedenken”. Das war damals nicht ungefährlich und konnte zuerst auch nur anonym erfolgen, weil jedem Fürsprecher allzu leicht Nähe zu Satanskult und Hexenwesen unterstellt werden konnte.

Nach In stiller Nacht werden uns Sarah Weller und Nicolai Strauch mit zwei solistischen Darbietungen erfreuen. Und jetzt geht es erst einmal weiter.

Bevor wir uns den „Volksliedern für Vorsänger, Chor und Klavier” zuwenden, möchte ich Ihnen noch unsere Vorsänger vorstellen. Die Solistin Sarah Weller haben Sie schon gehört. Dazu werden uns hier Miriam Breuer, Daniel Hagen und Hendrik Sbach erfreuen. Am Klavier begleitet uns – den ganzen Abend lang – Nicolai Strauch. Die Gesamtleitung liegt wie immer in den Händen unseres Chorleiters Urs Borer.

Die Volkslieder erzählen jedes für sich eine ganze Geschichte, mit Bericht und Beschreibung, mit Rede und Gegenrede. Der Chor kommentiert das oder widerspricht dem durch seine wiederkehrenden Einwürfe. Wenn es z. B. im fünften Lied heißt „Es ging sich unsre Fraue”, so ist hier natürlich „Unsre liebe Frau”, d. h. die Gottesmutter Maria gemeint. Sie wird von einem Räuber ihres Ringleins beraubt und stellt ihn später an der Himmelspforte zur Rede. Die Chor-Einwürfe muss man als einen zusammenhängenden Satz verstehen: „Der Herr erbarme sich unser in seiner großen Güte!” – Denn, so ergänzen wir in Gedanken, wir sind wie jener Räuber allzumal Sünder.

Sie haben es natürlich wiedererkannt, das „Verstohlen geht der Mond auf”, das wir vor der Pause gesungen haben. Es hat damit eine besondere Bewandtnis. Brahms schreibt 1894, also drei Jahre vor seinem Tode, an seinem Verleger Simrock:

Ist Ihnen übrigens aufgefallen, dass ich als Komponist deutlich Adieu gesagt habe?! Das letzte der Volkslieder und dasselbe in meinem op. 1 stellen die Schlange vor, die sich in den Schwanz beißt, sagen also hübsch symbolisch, dass die Geschichte aus ist.

Brahms ist der erste Komponist ernster Musik, der vom Ertrag seiner Werke lebte, ja reich wurde: er hinterließ ein Vermögen von rund 400 000 Mark. Doch er führte sein einfaches Leben weiter, war aber sehr freigebig und half, wo er konnte, seiner Familie, an der er rührend hing, und Freunden, die er in Not wußte. Er bedurfte der Geselligkeit und vor allem der Freund­schaft. Eine lebenslange Freundschaft verband ihn mit dem Geiger Joseph Joachim; diesem hat er sein op.1 gewidmet.

Wir kommen als nächstes zu Brahms Vertonung des Schiller-Gedichtes „Der Abend”. Ungeachtet seiner entschiedenen Vorliebe für gereimte Verse hat Schiller hier, und zwar auf Wunsch Wilhelm von Humboldts, ein antikes Versmaß, ähnlich dem der horazischen Oden, gewählt.

Senke, strahlender Gott, die Fluren dürsten
Nach erquickendem Tau, der Mensch verschmachtet,
Matter ziehen die Rosse,
Senke den Wagen hinab.

Der strahlende Gott ist Phöbus Apollo, der den gleißenden Sonnenwagen den ganzen Tag lang über den Himmel geführt hat. Erschöpft kehrt er heim, um bei seiner Geliebten, der Meeresgöttin Tethys, auszuruhen – Ist das nicht ein wunderbares Bild für das Versinken der Sonne im Meer? Schiller hat dem Gedicht die Anmerkung „Nach einem Gemälde” vorangesetzt; leider kennt man dieses Gemälde nicht.

Entsprechend Brahms Neigung zu Abend und Nacht soll ein anderes „Abendlied“ unser Programm beschließen. Der Titel stammt von Brahms. Friedrich Hebbel, der den Text verfasst hat, hat ihm stattdessen die Überschrift „Abendgefühl” gegeben, um das unwirkliche Gefühl zwischen Schlafen und Wachen, zwischen Tag und Traum einzufangen. Dieser Widerspruch, der schon in den ersten beiden Worten zum Ausdruck kommt – „Friedlich bekämpfen Nacht sich und Tag” – hat ihn immer wieder beschäftigt. In seinen Tagebüchern hat er notiert: „Schlaf ist ein Hineinkriechen des Menschen in sich selbst.” Oder: „Schlaf ist ein Zurücksinken ins Chaos.” Oder auch: „Der Traum ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind, als es scheint.” Da hat er Brahms wohl aus der Seele gesprochen.

Die Pianistin Elly Ney hat ihre Klavierabende immer mit ein und demselben Lied von Johannes Brahms beschlossen. Genauso wollen wir es heute halten.

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