Plakat Kontraste

Programm

Block I

Hier werden in kompakter Form folgende Stücke miteinander verbunden und einander gegenübergestellt, teilweise in abgekürzter Form (in alphabetischer Reihenfolge):
Benedictus (José de Torres u. Martinez Bravo) – Cio da terra (Milton Nascimento) – Cunhatai porã (Geraldo Espinola) – Freunde (Wolfgang Amadeus Mozart) – Medici nui siamo (Giovane da Nola) – Nr. 5 aus: Buxheimer Orgelbuch – Nr. II aus: 10 Stücke für Klavier (Paulo Fernado S. Macedo) – Sonate B-Dur, 1. Satz (Wolfgang Amadeus Mozart) – Tir'allà (anonym)

Block II

Ao AmanhecerA. Nepomuceno
Fi marisA. de Halle
aus: Corta-JacaC. Gonzaga
An den VetterJ. Haydn
Fi marisA. de Halle
Tir'allàanonym
aus: DengosoE. Nazareth
aus: op. 69, 2F. Chopin,
Der Jägerdt. Volkslied
Tico-TicoZ. de Abreu
Cio da terraM. Nascimento
aus: OdeonE. Nazareth
Signatum estL. de Mesquita

Block III

Nr 1 aus: Buxheimer Orgelbuch
Cunhatai porãG. Espinola
aus: Son. B-Dur, 1. S.W. A.Mozart
Nocturno IW. A. Mozart
Nr 2 aus: Buxheimer Orgelbuch
Fi MarisA. de Halle
Nr. VI aus: 10 St. f. KlavierP. F S. Macedo
Tir'allàanonym
Nr. VIII aus: 10 St. f. KlavierP. F S. Macedo
Tir'allàanonym
Nr. X aus: 10 St. f. KlavierP. F S. Macedo
Tir'allàanonym
Garota da IpanemaTom Jobin

Block IV

aus: Buxheimer Orgelbuch
Der Jägerdt. Volkslied
Bearb. N. Strauch
O Happy FairWilliam Shield
Nr. IV aus: 10 St. f. KlavierP. F S. Macedo
Nocturno VW. A. Mozart
Nr. III aus: 10 St. f. KlavierP. F S. Macedo
FreundeW. A. Mozart
(Source)

Jäger
( Source)

Ansage

Block 1

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Liebe Konzertbesucher!

Ich begrüße Sie zu unserem Herbstkonzert, dem wir den programmatischen Titel „Kontraste” gegeben haben. Wir kennen doch alle jene Pappröhren, in denen sich bei jeder Bewegung bunte Glassplitter zu immer neuen Mustern und Ornamenten zusammen finden. So wollen wir es heute mit Chorliedern und Klavierstücken halten, sie in scharfen Gegensätzen miteinander streiten, aber auch in harmonischem Einvernehmen einander antworten lassen.

Gerade im ersten Teil klingen diese Wechsel unverhofft an zwischen ganz neuen und sehr alten Klangwelten, zwischen liturgischen und weltlichen Kompositionen, zwischen Ungewohntem, sei es alt, sei es neu und Vertrautem. Deshalb finden Sie für den Anfang auf dem Programmzettel keine feste Reihenfolge. Wie in einem Quodlibet verschiedene Lieder gleichzeitig erklingen, so sollen sie sich hier in der zeitlichen Abfolge miteinander mischen, damit die Eigenart eines jeden um so deutlicher hervor tritt.

Karnevalslieder sind keine Erfindung der rheinischen Jecken. Der Karneval und seine Lieder haben auch in Italien eine große Tradition. Um ein Karnevalslied handelt es sich bei dem „Medici nui siamo” des neapolitanischen Komponisten Giovane da Nola aus dem 16. Jahrhunderts. Auftreten als Aerzte verkleidete Narren, mit langen Umhängen, breiten Hüten, vielleicht sogar Vogelmasken, und singen

Medici nui siamo
Heilkundige sind wir, ihr schönen Frauen,
bei uns kann jeder fest auf Heilung bauen,
sputet Euch, versäumt es nicht

Radiche grosse et piccole
Durch dicke Wurzeln heilen grosse Wunden,
für kleine haben wir dünne gefunden

Lasst ihr von alten Weibern Wunden heilen,
So wird Euch Straf und Reue bald ereilen.

Drum schöne Frauen kommt ohn' Widerstreben,
Quacksalbers rat allein kann Heilung geben

Block 2

Im 2. Teil geht es jetzt etwas geordneter zu, beginnend mit dem Titel „Ao Amanhecer” – „Bei Tagesanbruch” des brasilianischen romantischen Komponisten Alberto Nepomuceno. Die Dunkelheit weicht, die Natur erwacht, die Sonne taucht alles in einen rotgoldenen Schimmer, der Morgen bringt Klarheit, Hoffnung und Neubeginn.

Joseph Haydn stammte aus einem musikliebenden Elternhaus. Im Alter wurde er zu einem Vetter in Hainburg gegeben, um sich zum Chorsänger ausbilden zu lassen. Bereits zwei Jahre darauf wurde er entdeckt und als Chorknabe zum Stephansdom in Wien verpflichtet. Ob er den musikalischen Spaß wirklich seinem Vetter in Hainburg zugedacht hat, mag dahingestellt bleiben, die Komposition soll entstanden sein, als Haydn schon über sechzig war. Merkt man ihr aber nicht an.

Der französiche Trouvère Adam de Halle schrieb im 13. Jahrhundert das Rondeau „Fi maris de vostre amour”. „Fi” ist bein abschätziges „paahh” oder „pffftt!”, „fi maris” also „Paahh, mein Gemahl, (ich pfeif') auf deine Liebe, denn ich habe einen Geliebten (car j'ai ami). Schön ist er und von edlem Auftreten (atour). Er ist mir zu Diensten bei Nacht und bei Tag.” Gesungen klingt das so harmlos!

Aus einem spanischen Manuscript, das um 1500 entstanden ist, stammt „Tir'allá, que non quiero”. „Tir'allá” heißt „zieh ab”. Der ganze Text lautet: „Ich habe lange gezögert, doch jetzt bin ich verliebt in dich, Señora. Lass mich bei Dir ein, jetzt wo ich einmal da bin. – (Antwort) Zieh ab, denn ich will nicht, mozuelo Rodrigo – du Grünschnabel Rodrigo.”

„Cio da terra” heißt „Segen der Erde” , und davon handelt das brasilianische Lied, das diesen Titel trägt. Am Anfang steht das Dreschen des Weizens – „debulhar o trigo” – Am Ende erhalten wir das köstliche Wunder des Brotes – „milagro di pao” . Ein Dankgebet an die Natur, die uns ernährt und erhält.

Mit „Signatum est” kehren wir zurück zum brasilianischen Barock. Es ist die Verto­ung einer Stelle aus dem 4. Psalm. „Du lässt Dein Antlitz leuchten über mir. Du gibst Freude in mein Herz.”

Zwischendurch geht Nicolai Strauch der Frage nach „Was wäre, wenn?” Was wäre, wenn Frédéric Chopin in Südamerika gelebt hätte oder wenn Zequinha de Abreu, der Komponist von „Tico-Tico” , Wiener Luft geschnuppert hätte.

Aufgelockert wird das Ganze durch Maxixes oder Tangos brasileiros der Komponisten Chiquinha Gonzaga und Ernesto Nazareth. Gerade der letzte, Nazareth, gehört zu den bekanntesten Vertretern dieses Genres.

Es sind im Ablauf ein paar kleine Umstellungen erfolgt, aber das werden Sie schon merken.

Block 3

Ich möchte die Unterbrechung nutzen, um Ihnen die Mitwirkenden des heutigen Abends vorzustellen, Anna-Luise Strauch ist schon als Solistin hervorgetreten und wird uns nachher noch einmal mit ihrer klaren und biegsamen Stimme erfreuen. Für einige unserer Lieder haben wir uns Verstärkung gesucht, Friedrich und Carl-Gustav Olsen geben mit Rhythmen und Geräuschen einigen Stücken ein besonderes Kolorit. Unser Chorleiter Nicolai Strauch hat uns mit großer Geduld und viel Einfühlungsvermögen auf den heutigen Abend vorbereitet. Er sorgt gleichzeitig für die Klavierbegleitung und trägt darüber hinaus als Solo-Pianist für Abwechslung im Konzertablauf bei.

Gleich z. B. mit kurzen Passagen aus dem Buxheimer Orgelbuch von 1470 sowie mit einigen Beispielen für zeitgenössische brasilianische Musik des Komponisten Fernando Macedo, die beide unser Thema „Kontraste” auch in dieser Hinsicht komplettieren.

Eine Besonderheit ist das Lied „Cunhatai porã” . „Cunhatai” ist ein indianisches Wort für „Mädchen, junge Frau” . – Es ist Abend am Rio Paraguay. Der Himmel schimmert in wolkenlosem Grau. Schwarz steht der Urwald gegen den Fluss, der breit und behä­big zwischen den Baumriesen dahinzieht. Geisterhafte Geräusche pfeifen und sum­men, trommeln und singen aus der Dunkelheit. Ein Boot gleitet langsam heran, darin ein Indio, der gedankenverloren seine Angebetete ansingt, als ob sie ihn hören könnte. Er extemporiert, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. „Cunhatai porã che rohayhu – Mädchen, du Schöne, ich liebe Dich. Wo willst du hin? Lass uns mit dem Zug fahren nach Ponta Prora oder Corumba, da nehme ich ein Boot und singe die Lieder – cantando as cancoes –, die man sonst nirgends mehr hört.” Immer wieder diese wenigen Worte, wie im Traum. Und schon sind Boot und Sänger in der Dunkelheit verschwunden, zurück bleiben Wald und Fluss.

Abgerundet wird dieser Teil mit der „Garota de Ipanema” . Kommt uns das bekannt vor? Genau! Auf Englisch heißt es „Girl of Ipanema” . Anna-Luise Strauch singt diesen Bossa Nova von dem Mädchen, das am Ipanema-Strand von Rio de Janeiro die Blicke der Männer auf sich zieht. Bossa Nova heißt übrigens Neue Welle. Nun gut, neu war diese Welle in den sechziger Jahren, aber frisch, frisch ist sie immer noch.

Block 4

Wie würde ein nicht gerade ehrwürdiges deutsches Volklied klingen, wenn es einem jungen Komponisten und Arrangeur, sagen wir Nicolai Strauch, in die Hände fällt? Sicher nicht ehrwürdig, warten Sie's ab!

In Mittelpunkt von Shakespeares Romanze „Ein Sommernachtstraum” stehen die beiden jungen Frauen Hermia und Helena und die jungen Männer Demetrius und Lysander. Helena liebt Demetrius, aber ihre Liebe wird nicht erwidert, weil Demetrius in Hermia verliebt ist. So soll's gehen! Als die beiden Mädchen aufeinandertreffen, grüßt Hermia ihre Freundin „Gottes Segen, schöne Helena – Godspeed, fair Helena!” Und Helena erwidert: „Du nennst mich schön? Demetrius liebt doch Deine Schönheit! O du glückliche Schöne – O happy fair. Deine Augen sind Sterne und dein Atem ist süß. Melodischer als die Lerche im Ohr des Schäfers klingt, wenn der Weizen grünt und die Knospen des Hagedorn aufbrechen.” William Shield komponierte dieses Chorlied um 1800. Von der „anmutigen Klage eines eifersüchtigen Mädchens” ist dabei allerdings, wie George Hogarth feststellt, nicht viel übrig geblieben.

Und dann haben wir bald das Ende des heutigen Abends erreicht und können langsam zum gemütlichen Teil übergehen, meinen Sie nicht auch? Na, Sie werden es merken!

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