Plakat

Programm

Josef Schnabel
Transeamus usque Bethlehem
Felix Rußwinkel, Bariton,
Stephan Lutermann, Orgel,
Meller Madrigalchor
Gemeinsames Lied Wachet auf, ruft uns die Stimme
Johann Sebastian Bach
Kantate Wachet auf, ruft uns die Stimme
Sarah Weller, Sopran,
Felix Rußwinkel, Bariton,
Stephan Lutermann, Orgel,
Meller Madrigalchor
Sigfrid Karg-Elert
Wachet auf
Stephan Lutermann, Orgel
Gemeinsames Lied Es ist ein Ros' entsprungen
Arthur Honegger
Weihnachtskantate
Felix Rußwinkel, Bariton,
Stephan Lutermann, Orgel,
Meller Madrigalchor

Ansage

Ich begrüße Sie zum heutigen Abend. Wir freuen uns, mit unserem Weihnachtskonzert wie schon in vielen Jahren hier in der schönen St.-Matthäus-Kirche zu Gast sein zu dürfen. Wir danken der Kirchengemeinde St.-Matthäus und Pastor Rickers für diese Möglichkeit.

Unser Konzert heißt „cantate!” – „singet!” – und wir haben dazu zwei Kantaten ausgesucht. Wir beginnen mit der Bach-Kantate über ein altes Lied des Kirchendichters Philipp Nicolai.

Philipp Nicolai hatte ein bewegtes Leben. Er wurde 1554 als Sohn eines lutherischen Geistlichen im hessischen Mengeringhausen geboren. Nach Studium in Erfurt und Wittenberg wurde er Pastor in Herdecke/Ruhr – was mir sehr sympathisch ist, denn ich bin dort aufgewachsen. Er wurde aber bald von Söldner-Truppen der spanischen Gegenreformation vertrieben. Er wechselte nach Köln, das damals beinah rein katholisch war und wurde Prediger einer lutherischen Untergrund-Gemeinde. 1588 übernahm er das Amt eines Hofpredigers und Lehrers am Hof des Herzogs von Waldeck.

Im Jahre 1596 berief ihn die Gemeinde in Unna/Westfalen zum Pastor. Während dieser Zeit suchte die Pest Unna heim, Hunderte von Gemeindemitgliedern starben. Als Tröstung schrieb Nicolai sein Buch Freudenspiegel des ewigen Lebens. Darin enthalten sind auch seine beiden berühmtesten Lieder, Wachet auf, ruft uns die Stimme und Wie schön leuchtet der Morgenstern. 1601 wurde Nicolai Pastor an der Katharinenkirche in Hamburg und blieb es bis zu seinem Tode im Jahre 1608.

Wachet auf, ruft uns die Stimme nimmt das Gleichnis von den zehn Jungfrauen im Matthäusevangelium auf. Es geht so (in der Einheitsübersetzung):

Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit. Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus. Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht. Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal und die Tür wurde zugeschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde

Johann Sebastian Bach komponierte 1731 über das Kirchenlied von Philipp Nicolai eine Kantate für den im Kirchenjahr nur sehr selten vorkommenden 27. Sonntag nach Trinitatis. Dieser letzte Sonntag des Kirchenjahres war zu Bachs Zeit noch nicht der Ewigkeitssonntag, oder, wie er heute volkstümlich heißt, der Totensonntag, dazu wurde er erst am Beginn des 19. Jahrhunderts. Er beschloss vielmehr den Jahreskreis und leitete über zu der danach einsetzenden Adventszeit. Und tatsächlich kann die Erwartung des Bräutigams als Warten auf die Geburt des Herrn gedeutet werden. Das Bild ist ja nicht unüblich. Im ersten Teil des Weihnachtsoratoriums z. B. heißt es

Nun wird mein liebster Bräutigam,
Nun wird der Held aus Davids Stamm
Zum Trost, zum Heil der Erden
Einmal geboren werden.

Bach hat auch den Text von Nicolai behutsam verändert. Der Schlusschoral endet jetzt mit der Zeile „in dulci jubilo.

Die drei Strophen des Liedes von Nicolai geben das Grundgerüst für diese Kantate ab. Sie erklingen in ihrer alten Melodie am Anfang, in der Mitte und am Ende. Dazwischen schmückt der Evangelist das Gleichnis von den zehn Jungfrauen detailreich aus. In zwei Duetten hält die Seele, gesungen von der Sopranistin Sarah Weller, Zwiesprache mit Jesus, gesungen von dem Bariton Felix Rußwinkel. Wir freuen uns, dass diese beiden Solisten wie schon in einer Reihe von Konzerten auch heute wieder unser Chorkonzert bereichern. Wer sie letzthin bei unserm Herbstkonzert hören konnte, wird ihre Vielseitigkeit bewundern.

Wie beim vorigen Weihnachtskonzert gibt uns der international bekannte Organist Stephan Lutermann, der am Hohen Dom in Osnabrück tätig ist, das musikalische Fundament, sozusagen die nötige Rückendeckung. Er erfreut uns nach der Bach-Kantate mit einer modernen Orgelbearbeitung desselben Liedes von Sigfrid Karg-Elert. Diese moderne Fassung leitet schon über zu dem, was noch kommt. Die Gesamtleitung liegt wie immer in den Händen unseres Chorleiters Urs Borer.

Die Aufforderung „cantate! – „singet! – ergeht jetzt auch an Sie. Wir wollen zunächst gemeinsam mit Ihnen das alte Kirchenlied von Philipp Nicolai anstimmen. Danach folgt dann die Bach-Kantate.

Bevor wir nun zur Weihnachtskantate von Arthur Honegger kommen möchte ich darüber ein paar Worte sagen. Zuerst zu ihrer Entstehung.

In dem kleinen Schweizer Dorf Selzach bestand von alters her die Tradition, alle drei Jahre im Sommer die Passionsgeschichte aufzuführen. 1939 versuchte man, diese Tradition neu zu gestalten. Man wollte ein neues Theater bauen und beauftragte den Berner Dichter Cäsar von Arx, zur Vertonung durch Honegger ein neues Passionsspiel zu schaffen. Cäsar von Arx schwebte eine monumentale, ganztägige Aufführung vor. Durch den Weltkrieg verzögerte sich die Fertigstellung, aber Librettist und Komponist arbeiteten doch kontinuierlich weiter an dem Werk.

Es kam aber nicht zur Fertigstellung, denn 1949 nahm sich der Cäsar von Arx einen Tag nach dem Tod seiner Frau das Leben. Honegger scheute sich daraufhin, an dem Werk weiter zu arbeiten.

Honeggers Freund Paul Sacher bat 1952 um eine Kantate zum Jubiläum des Basler Kammerorchesters. Obwohl bereits durch einen schweren Schlaganfall gezeichnet, machte Honegger sich ans Werk. Darin arbeitet er einen Großteil des für das Passionsspiel vorhandenen Materials ein.

Die Weihnachtskantate ist Honeggers letztes Werk. Sie zeigt uns zunächst die tiefe Verzweiflung der Menschheit vor der Erlösung durch Jesus Christus, eine Verzweiflung allerdings, die sich in wunderschönen Melismen ausdrückt, so dass sich doch schon Hoffnung ahnen lässt. Ein Aufschrei fleht „O komm, Emmanuel!” Ein Engel tritt auf und verkündet die Geburt des Herrn. Die ausgelassene Weihnachtsfreude spiegelt sich in einem fröhlichen Quodlibet vieler bekannter Weihnachtslieder. Ein Engelchor singt erst „Freu dich, Israel” und dann „Es ist ein Reis entsprungen”. Aber auch „O du fröhliche”, „Stille Nacht”, „Vom Himmel hoch ihr Englein kommt” und „An der Krippe zu Bethlehem” sind in das Quodlibet hineingewoben. Am Ende erklingt ein kraftvolles „Laudate Dominum, omnes gentes”– „Lobet den Herrn, alle Völker”.

Mit dem Engelchor „Es ist ein Reis entsprungen” hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Das Lied ist wahrscheinlich schon im 15. Jahrhundert, wenn nicht früher, entstanden und erzählt in sage und schreibe 23 Strophen die Geburtsgeschichte Jesu. Es geht zurück auf Jesaja 11, 1:

Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.

Isai, im Lied Jesse genannt, ist der Vater von König David und damit der Stammvater Jesu. Im ersten Vers wird eine Rätselfrage gestellt. Dabei wird aus dem Reis bei Jesaja unversehens eine Rose.

Es ist ein Ros′ entsprungen aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter
wohl zu der halben Nacht.

Was ist das für eine Rose? Die Antworten darauf sind unterschiedlich. Der ursprüngliche Text fährt fort:

Das Röslein, das ich meine, davon Jesaias sagt,
ist Maria, die Reine, die uns das Blümlein bracht.
Aus Gottes ew′gem Rat hat sie ein Kind geboren
Und blieb doch reine Magd.

Das ist die alte katholische Fassung, Maria ist die Rose, die Rose ist ja im Mittelalter das Sinnbild Marias, man denke an die vielen bildlichen Darstellungen der Muttergottes, und das Lied ist ursprünglich ein Marienlied.

Als der Wolfenbütteler Hofkapellmeister Michael Praetorius das Lied zur Grundlage seines berühmten vierstimmigen Satzes machte, änderte er unauffällig den Text der zweiten Strophe:

Das Röslein, das ich meine, davon Jesaja sagt,
hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd.
Aus Gottes ew′gem Rat hat sie ein Kind geboren
wohl zu der halben Nacht.

Jetzt ist Jesus das Röslein, das ist die evangelische Fassung, und dadurch wird das Lied zu einem Weihnachtslied.

Wir wollen uns auf die Honegger-Kantate einstimmen, indem wir dieses Lied gemeinsam singen. Dazu bedienen wir uns einer dritten, der oekumenischen Fassung.

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