Plakat

Programm

Johann Sebastian Bach
Quodlibet, ein Fragment
Meller Madrigalchor,
Urs Borer, Klavier
Franz von Suppé
Die Beichte
Sarah Weller, Sopran, Felix Rußwinkel, Bariton, Urs Borer, Klavier
Carl Maria von Weber
Arie des Ännchen aus dem „Freischütz”
Sarah Weller, Sopran, Urs Borer, Klavier
Franz von Suppé
Ländliche Konzertprobe
Felix Rußwinkel, Bariton, Meller Madrigalchor, Urs Borer, Klavier
--- PAUSE ---
Bert Reisfeld und Albrecht Marcuse
Mein kleiner grüner Kaktus
Meller Madrigalchor, Urs Borer, Klavier
Albert Lortzing
5000 Taler, Arie des Baculus aus dem „Wildschütz”
Erwin Vogt, Bass, Urs Borer Klavier
Franz Schöggl
Die launige Forelle
Variationen über ein Thema von Schubert
Meller Madrigalchor, Urs Borer, Klavier
Thema: Die Forelle von Franz Schubert
Mozart: Eine kleine Nacht-Forelle
Beethoven: Zur Ehre der Forelle
Weber: Der Freifisch
Wagner: Fischerchor
Gebirgsforelle am späten Abend
Forelle nach Wiener Art
Forella Italiana
Wolga-Forelle
Fischfang mit Lis(z)t
Giacomo Rossini
Duett zweier Katzen
Sarah Weller, Sopran, Felix Rußwinkel, Bariton, Urs Borer, Klavier
Albert Lortzing
Singschule aus „Zar und Zimmermann”
Erwin Vogt, Bass, Meller Madrigalchor, Urs Borer, Klavier
Zugabe:
Ernst Toch
Fuge aus der Geographie
Meller Madrigalchor

Ansage

Johann Sebastian Bach, geboren 1685 in Eisenach, ist uns nicht nur als Komponist gravitätischer Kirchenmusik bekannt. Er konnte auch ausgesprochen geistreich und witzig komponieren. Darauf muss man erst einmal kommen, seinen eigenen Namen, B-A-C-H, als musikalisches Motiv auszuarbeiten. Bekannt ist auch seine Kaffeekantate. Zu diesen heiteren Werken gehört auch das nachfolgende Quodlibet.

Nachdem Bach 1707 eine gut dotierte Stelle in Mühlhausen in Thüringen erhalten hatte, mit einer ordentlichen Bezahlung, und ihm auch noch eine Erbschaft zugefallen war, konnte er am 17. Oktober in Dornheim bei Arnstadt seine Cousine 2. Grades Maria Barbara Bach heiraten.

Mehrfach wird von Treffen der weitverzweigten Bach-Familie berichtet. Bei diesen Zusammenkünften wurde gemeinsam gesungen und musiziert, oft mehrstimmig und aus dem Stegreif. Im Herbst 1707 fand ein solches Familienfest bei seiner Schwester Salome in Erfurt statt, die dort mit dem Kürschnermeister Wiegand verheiratet war. Sowohl Salome als auch der Kürschner kommen vor und auch die Füchse, deren Fell er verarbeitet.

Zwei Sonnenfinsternisse werden erwähnt, und im Jahre 1707 fanden tatsächlich zwei Sonnenfinsternisse statt. Ein Spinnrad verweist auf Bachs Hochzeit, ein Trauermantel auf Todesfall und Erbschaft. Zu der Hochzeit allerdings will der Trauermantel gar nicht recht passen.

Das Quodlibet ist ein Durcheinander von Liedern, in denen gängige Musikstile parodiert und Fehler nicht nur in Kauf genommen, sondern auch gerne bewusst provoziert wurden. Ein solcher Fehler ist z. B. die zu Bachs Zeit verpönte Parallelführung von Stimmen in Oktaven, eine sogenannte Sau, und genau dieses Mittel benutzt Bach an einer Stelle.

Das Quodlibet ist leider unvollständig. Außen herum fehlt mindestens ein Bogen. So setzt es recht unvermutet ein, und auch zu der am Ende so pathetisch angekündigte Fuge kommt es nicht mehr.

Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavaliere Suppé-Demelli – wer so heißt, wird entweder Hochstapler oder ein Abruzzenräuber oder Komponist. Der Namensträger entschied sich für das Letztere.

Sein Vater stammte ursprünglich aus Belgien, die Mutter war Wienerin. In Spalato in Kroatien, heute Split, wurde Franz von Suppé – um den nämlich handelt es sich – am 18. April 1819 geboren. Er musste auf Wunsch seines Vaters Jura studieren und konnte sich erst danach ganz der Musik zuwenden.

Bei der folgenden „Beichte” handelt es sich nicht um ein Liebesduett, auch wenn es zeitweilig so klingen mag, vielmehr um ein Duett zwischen Beichtvater und Beichtkind. Hören Sie die beiden Solisten Sarah Weller und Felix Rußwinkel, am Klavier begleitet von unserem Chorleiter Urs Borer.

Nach der „Beichte” von Franz von Suppé singt Sarah Weller die Arie des Ännchen aus dem „Freischütz” von Carl Maria von Weber.

Franz von Suppés Ruhm resultierte nicht aus seinem Requiem, nicht aus seiner einzigen Symphonie, nicht aus seiner Kammermusik, sondern allein aus seinen Operetten. Neben der flotten Leichtfüßigkeit in Offenbachscher Manier, die so schön zum Traum vom leichten Leben passen mochte, zeichnete ihn besonders eine Neigung zur gemütlichen Idylle aus. Das finden wir auch in der nachfolgenden „Ländlichen Konzertprobe” wieder.

Der Komponist hat dem Stück hat folgende Erläuterung vorangestellt:

Ein Pächter hat geheiratet und soll mittags mit seiner Frau von der Hochzeitsreise zurückkehren. Die Bauern beschließen, ihm ein Ständchen zu bringen. Ihr Chorleiter selbst hat einen Text verfasst und vertont, aber weil am Ort kein Orchester zur Verfügung steht, müssen die Sängerinnen und Sänger selbst die Instrumente darstellen. Das Folgende ist das Ergebnis.

Nach der „Ländlichen Konzertprobe” machen wir eine Pause von fünfzehn Minuten. Es besteht Gelegenheit, eine Kleinigkeit zu trinken.

Herr Lortzing versteht das Theater und den Lauf der Welt, der er mit klugem Fleiße nichts anderes gibt, als was sie schmackhaft findet. Wir tadeln das nicht im geringsten, im Gegenteil erkennen wir des Mannes Gewandtheit nach Verdienst an; er weiß zu wohl, dass auf teutschen Bühnen von einem Teutschen eben nichts durchgeht, als was sich dem Behagen mit heiterem Sinne fügt. Das will er und das versteht er, und darum ist die Oper bestens zu empfehlen.

So bittersüß klang das Lob der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung” nach der Uraufführung von „Zar und Zimmermann”.

In Russland stieß der „Zar” damals auf Zensurschwierigkeiten. In Riga behalf man sich dadurch, dass man die Handlung nach Antwerpen verlegte, und den Titel in „Flandrische Abenteuer” abänderte. Die Personen hießen nun
- Maximilian I, römisch-deutscher Kaiser, unter dem Namen Max Sternberger als Zimmergeselle unterwegs;
- Max Haselmeyer, ein junger Österreicher, Zimmergeselle;
- von Flüth, Bürgermeister von Antwerpen; usw. usw.

Wir haben die Arie des Bürgermeister van Bett aus „Zar und Zimmermann” ersetzt durch die Arie des Schulmeisters Baculus aus dem „Wildschütz”, aber der ist ja auch von Albert Lortzing. Auf Grund einer Verwechslung hat man dem Schulmeister Baculus 5000 Taler angeboten, wenn er seine Verlobte Gretchen freigibt. Hören Sie Erwin Vogt mit der Arie „5000 Taler” aus dem „Wildschütz” von Albert Lortzing.

Ich habe auf vielen Wegen versucht, etwas über Franz Schöggl, den Komponisten unseres nächsten Vortragsstückes in Erfahrung zu bringen. Das war gar nicht so einfach. Die meisten Musikverlage kennen gerade einmal seinen Namen als Verfasser der „Launigen Forelle”. Einige wenige kennen seine Lebensdaten – er lebte von 1930 bis 1982. Irgendwo stieß ich auf den Ort Langenwang. Langenwang ist eine 4000-Seelen-Gemeinde in der Steiermark, und im dortigen Musikverein war Franz Schöggl viele Jahre tätig.

Er hat sich als Kapellmeister betätigt, eine Reihe noch heute gespielter Märsche komponiert, an der Gründung eines Kirchenchores mitgewirkt. Die „Launige Forelle” entstand eher zufällig auf einer Fortbildungsveranstaltung, wurde dort von einem Vertreter des Doblinger Verlages entdeckt und in Druck gegeben. Heute gibt es eine englischsprachige Version („Trout as You Like It”) und sie wird in vielen Ländern der Erde gesungen.

Der Text übrigens stammt von dem unglücklichen Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart. Walter Laufenberg charakterisiert ihn wie folgt:

„So viele Vornamen, wie er hatte, so viele Talente hatte er. Was schön und schlimm zugleich sein kann. Ob er sich als Dichter oder als Journalist oder als Musiker an seine Zeitgenossen wandte, man hörte ihm gern zu. Weil er so innig gefühlvoll und so rotzfrech war, so überschwenglich begeistert wie freigeistig. Ein Mann, der in kein Kostüm passte, der immer und überall aus der Rolle fiel.” 1)

Schon als Pennäler in Nürnberg wäre er, wegen seiner unverhohlenen Begeisterung für den aufgeklärten Preußenkönig Friedrich den Großen, um ein Haar von einem empörten österreichischen Soldaten abgestochen worden. Dass er für eine Ode auf den Tod Kaiser Franz I. sogar das kaiserliche Dichterdiplom bekam, sei hier nur am Rande erwähnt.

Er wurde Organist in Ludwigsburg, musste es aber wegen seines ausschweifenden Lebenswandels bald wieder verlassen. Er gab in Augsburg die „Deutsche Chronik” heraus, machte sich aber mit seiner Verachtung der Fürstenwillkür und seiner Begeisterung für den amerikanischen Unabhängigkeitskampf auch hier unbeliebt, musste auch Augsburg verlassen, setzte seine Arbeit in Ulm fort und verärgerte durch seine satirischen Ausfälle besonders den Fürsten Carl Eugen von Württemberg, der später auch Schiller das Leben schwermachte.

Nun liegt Ulm ja nicht in Württemberg, aber Carl Eugen ließ ihn durch einen Lockvogel auf württembergisches Gebiet ziehen, dort wurde er verhaftet und für zehn Jahre auf dem Hohenasperg festgesetzt. Während dieser Festungszeit entstand das Gedicht „Die Forelle”. Und weil gleich die Variationen immer nur die ersten drei Strophen verwenden, möchte ich es Ihnen einmal ganz vorlesen:

In einem Bächlein helle,
Da schoß in froher Eil'
Die launige Forelle
Vorüber wie ein Pfeil.
Ich stand an dem Gestade
Und sah in süßer Ruh
Des muntern Fischleins Bade
Im klaren Bächlein zu.

Doch endlich ward dem Diebe
Die Zeit zu lang. Er macht
Das Bächlein tückisch trübe,
Und eh ich es gedacht,
So zuckte seine Rute,
Das Fischlein zappelt dran,
Und ich mit regem Blute
Sah die Betrogene an.

Ein Fischer mit der Rute
Wohl an dem Ufer stand,
Und sah's mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.

Die ihr an goldner Quelle
Der sichren Jugend weilt,
Denkt doch an die Forelle,
Seht ihr Gefahr, so eilt!
Meist fehlt ihr nur aus Mangel
Der Klugheit, Mädchen, seht
Verführer mit der Angel!
Sonst blutet ihr zu spät!

Aber was von uns als fröhliches Lied mit moralischer Belehrung aufgefasst wird, ist in Wahrheit eine bittere Klage. Schubart vergleicht seine eigene Situation mit der einer Forelle: fröhlich dahinschwimmend in ihrem Bächlein, wird sie zum Opfer der List und Tücke des Anglers.

Jetzt also Variationen über ein Thema von Franz Schubert. Sie werden hoffentlich viele alte Bekannte wiedererkennen.

Zur Einstimmung auf das nächste Stück habe ich ein paar Katzenwitze herausgesucht:

Kennen Sie den? Ein Mann sitzt mit seinem Kater vor der Glotze und schaut einen Western an. Nach einer Weile sagt er: „Schau mal, Felix, der blöde Cowboy spricht mit seinem Pferd!”

Oder den? „Anton,” sagt Frau Neureich zu ihrem Diener, „unsere Katze langweilt sich, gehen sie mit ihr in einen Mickymaus-Film!”

Ein Hund sinniert: „Sie lieben mich, sie füttern mich, sie kümmern sich um mich. Sie müssen Götter sein!”
Die Katze denkt: „Sie lieben mich, sie füttern mich, sie kümmern sich um mich. Ich muss ein Gott sein!”

Was ist ein Beamtenkater? Er schleicht sich zur Arbeit, legt seine Pfoten auf den Tisch und wartet auf die Mäuse!

Katzen haben nicht erst Andrew Lloyd Webber zum Komponieren angeregt, zu seinem Musical „Cats”. Hören Sie, was Rossini daraus alles machen kann: das „Duett zweier Katzen”, dargeboten von Sarah Weller und Felix Rußwinkel.

Wir kommen zum Ende unserer Veranstaltung. Sie waren ein wunderbares Publikum. Wir danken für Ihren Applaus, er ermuntert uns, weiterzumachen.

Warum versuchen Sie sich nicht selbst einmal am Chorgesang? Wir proben jeden Montag um 19.30 Uhr im Musiksaal der Ratsschule Melle am Reinickendorfer Ring.

Unser Chorleiter hat für das Ende unseres Konzerts die Singschule aus „Zar und Zimmermann” von Albert Lortzing ausgesucht. Wahrscheinlich geschah das nicht ohne Hintergedanken. Er wollte uns wohl einmal so recht den Spiegel vorhalten. Ich finde aber, Lortzing übertreibt. Hören Sie selbst!

Wir haben uns noch eine Besonderheit bis zum Schluss aufgehoben, die „Fuge aus der Geographie” von Ernst Toch. Kennen Sie Ernst Toch? Ich kannte ihn bislang auch nicht. Er wurde 1887 in Wien geboren und starb 1964 in Kalifornien. Er schrieb Klavierstücke, Streichquartette, später eine Reihe von Bühnenmusiken und in seinem letzten Lebensjahrzehnt sieben große Symphonien.

Im Jahre 1933 ging er über England ins Exil nach Amerika. Eine zeitlang konnte er sich mit Filmmusiken durchschlagen. Er war in Hollywood sicherlich einer der professionell fähigsten Komponisten. Nicht ohne Stolz erwähnte die Paramount im Abspann ihrer Filme seinen Namen stets mit Doktortitel. Leider hatte er auf die sonstige Qualität der Filme keinen Einfluss. Es handelt sich ausnahmslos um b-pictures, an die sich heute niemand mehr erinnert.

Kaum einer kennt Ernst Toch! Er selbst bezeichnete sich nach dem Krieg als „the most forgotten composer of the twentieth century”.

Die „Fuge aus der Geographie” ist der letzte Satz einer Suite mit dem Titel „Gesprochene Musik”. Sie wurde im Jahre 1930 uraufgeführt. Dass wir uns an dieses Stück gewagt haben, ist auch nur mit leichtem Größenwahn zu erklären. Es ist ein wahnwitziges Unterfangen, etwa wie der Todessalto unter der Zirkuskuppel. Und genau so wie dort können wir nur hoffen, dass es gut geht.


1) Laufenberg, Walter, zitiert nach http://www.netzine.de/idee-fur-ersteinsteiger/schubart/ (17.10.2010)
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