Plakat

Programm

Antonín Dvořák
– Leoš Janáček
Klänge aus Mähren
Chor: Die Trennung
Chor: Das Pfand der Liebe
Duett: Der Ring
Duett: Die Gefangene
Chor: Die Verlassene
Chor: Scheiden ohne Leiden
Duett: Die Bescheidene
Chor: Die wilde Rose
Chor: Die Zuversicht
Edvard Grieg
Norwegische Tänze
(Auswahl)
Kiyomi Helms, Urs Borer,
Klavier zu vier Händen
Robert Schumann
Zigeunerleben
Chor und Solisten
--- PAUSE ---
Johannes Brahms
Zigeunerlieder
Chor und Solisten
1. He, Zigeuner
2. Hochgetürmte Rimaflut
3. Wisst ihr, wann
4. Lieber Gott, du weißt
5. Brauner Bursche
6. Röslein dreie
7. Kommt dir manchmal
8. Horch der Wind
9. Weit und breit
10. Mond verhüllt
11. Rote Abendwolken
Antonín Dvořák
Slawische Tänze
(Auswahl)
Kiyomi Helms, Urs Borer,
Klavier zu vier Händen
Antonín Dvořák
Zigeunermelodien
Biblische Lieder
Sarah Weller, Sopran,
Felix Rußwinkel, Bariton
Johannes Brahms
Ungarische Tänze
(Auswahl)
Kiyomi Helms, Urs Borer,
Klavier zu vier Händen
Johannes Brahms
Quartette
1. O schöne Nacht
2. Spätherbst

Die Solisten

Sarah Weller

Sarah Lisanne Weller begann mit zehn Jahren, Klavier zu spielen, zwei Jahre später nahm sie die Querflöte hinzu. Beide Instrumente begleiteten sie als Nebeninstrumente durch ihr Musikstudium an der Universität Osnabrück; im Hauptfach studierte sie Gesang. In den Jahren 2005 und 2006 legte sie ihr Staatsexamen mit der Note sehr gut ab. Derzeit vervollkommnet sie im dritten Jahr ihre Ausbildung für Opern- und Konzertgesang bei der Opernsängerin Alenusch Melkonian aus Osnabrück.

Sarah L. Weller hat sich regional in einer Reihe von Konzerten mit Schwerpunkt Kunstlied vorgestellt. Daneben führten sie Konzerte in allen drei Sparten – Lied, Oper, sakrale Musik – in den Raum Würzburg, München, Frankfurt sowie nach Spanien. Im Juli 2007 gab sie ihr Debüt in der Kammeroper Frankfurt. Für den kommenden Winter ist in Zusammenarbeit mit einem Hamburger Konzertveranstalter ein bundesweites Solo-Programm in Vorbereitung.

Arnd-Felix Rußwinkel studierte Europäische Studien an der Universität Osnabrück, bis ihn Auslandsaufenthalte nach Angers/ Frankreich und New Jersey/USA brachten. Dort widmete er sich vertiefend der Musik und studierte als Stipendiat der Rowan University drei Semester Operngesang. Nach Abschluss des Bachelor of Arts in Osnabrück setzte er sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin fort und wurde vor kurzem in den Masterstudiengang für Kulturmanagement an der Freien Universität Berlin aufgenommen.

Mit Urs Borer verbindet ihn eine Freundschaft, die am Konservatorium entstand: Im Klavierunterricht entdeckte der Kapellmeister das stimmliche Potenzial seines Schülers, welches seitdem solistisch und in verschiedenen Ensembles zu hören ist.


Ansage

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

So beginnt das Oktoberlied von Theodor Storm.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Der Meller Madrigalchor schätzt sich glücklich, Sie heute als Zuhörer zu haben. Der Herbst im Allgemeinen und der Meller Kulturherbst im Besonderen sollen unser heutiges Konzert prägen. Deshalb haben wir ihm den Titel „Bunte Blätter” gegeben und unter diesem Titel einen herbstbunten Strauß eingängiger Melodien zusammengestellt. Den Anfang machen Antonín Dvořák und Leoš Janáček mit „Klängen aus Mähren”.

Marie Neff, die Gattin des Prager Kaufmanns und Mäzens Jan Neff, berichtet:

Vor vielen Jahren, als Dvořák erst am Anfange seiner Laufbahn stand, brachte einmal ein Bekannter Dvořák zu uns, um den „jungen, talentierten Musiker”, wie er sagte, als seinen Vertreter im Klavierunterricht in unserer Familie zu empfehlen. Besonders am zweistimmigen Gesang hatten wir Freude, den Dvořák bereitwillig begleitete. Nur die beschränkte Auswahl ärgerte uns. Mein Mann, ein begeisterter Musiker, bemerkte einmal gesprächsweise zu Dvořák: „Könnte man denn nicht etwas Heimisches zweistimmig komponieren, etwa mährische Lieder?” – „Warum denn nicht,” erwiderte Dvořák, „sucht hübsche Texte aus, das Übrige besorge ich.” Gesagt, getan. Unsere Erzieherin borgte sich Sušils Sammlung aus, suchte nach eigenem Geschmack etwa 15 Lieder aus, und Dvořák versprach, dazu die zweite Stimme und die Begleitung zu schreiben. Nach einigen Tagen hatte er sich die Sache überlegt. „Ich werde es nicht machen,” erklärte er, „wenn Sie wollen, schreibe ich Lieder nach meinem Geschmack, zu diesen aber werde ich keine zweite Stimme schreiben!” Niemand klagte darüber und Dvořák ging auf seine Art die Arbeit an und komponierte seine berühmten „Klänge aus Mähren”. Er widmete sie aus Freundschaft mir und meinem Mann.

Neff ließ die Duette drucken und verschickte einige Exemplare ohne Dvořáks Wissen an verschiedene Musiker und Musikkritiker, so auch an Johannes Brahms. Dieser legte sie seinem Verleger Simrock mit dem Bemerken ans Herz:

Bei Gelegenheit des Staatsstipendiums freue ich mich auch schon mehrere Jahre über Sachen von Dvorák. Dies Jahr nun schickte er unter anderem ein Heft „Duette”, das mir gar zu hübsch und praktisch vorkommt. […] Titel und leider auch die Texte sind bloß böhmisch. […] Wenn Sie sie durchspielen, werden Sie sich wie ich darüber freuen und als Verleger sich über das Pikante besonders freuen. Nur müsste sehr vernünftig für eine sehr gute Übersetzung gesorgt werden.

Dvořák bedankte sich bei Brahms mit den Zeilen:

Herr Simrock hat mir dieser Tage geschrieben. Er will gerne die Duette editieren, nur müssten noch einige Stellen der Deklamation wegen geändert werden. So namentlich im letzten Liede die letzten Takte: „Pflücke mich nicht zur Maienzeit, wo die Schönheit gedeiht.” Es solle wahrscheinlich die erste Silbe des Wortes „Schönheit” auf den schweren Taktteil kommen. Ich bitte sehr um Rat, wie die betreffende Stelle lauten soll.

Hören Sie selbst, wie dieses Problem am Ende gelöst worden ist – in dem j etzt vorletzten Lied „Die wilde Rose”.

Ein anderer Verehrer Dvořáks war der Komponist Leoš Janáček. Dieser charakterisierte beider Verhältnis wie folgt:

Kennen Sie das Gefühl, wenn Ihnen jemand das Wort aus dem Mund nimmt, noch bevor Sie es ausgesprochen haben? So war mir immer in der Gesellschaft Dvořáks zumute. Ich kann seine Person mit seinem Werk vertauschen. So sehr hat er mir seine Melodien aus dem Herzen genommen. Einen solchen Bund kann nichts in der Welt zerreißen.

Janáček war von den Duetten so angetan, dass er sechs von ihnen für vierstimmigen Chor bearbeitete. Dabei ließ er aber die von Dvořák komponierte Klavierbegleitung unverändert. Hören Sie die Chorbearbeitungen, aufgelockert durch weitere Duette aus den „Klängen aus Mähren”. Die Duette werden gesungen von Sarah Weller und Felix Rußwinkel, beide sind den Zuhörern des Meller Madrigalchores bereits aus einer Reihe von Konzerten in guter Erinnerung. Dasselbe trifft auf die Pianistin Kiyomi Helms zu, die schon viele Konzerte des Meller Madrigalchores bereichert hat. Die Gesamtleitung liegt wie immer in den bewährten Händen unseres Chorleiters Urs Borer. Und jetzt wünsche ich Ihnen viel Freude an den „Klängen aus Mähren”.

Bei dieser Gelegenheit haben wir eine Bitte an Sie: Wir freuen uns natürlich über den Applaus – je läger, je lieber. Trotzdem bitten wir Sie, zwischen den einzelnen Teilen eines zusammenhängenden Programmpunktes auf Beifall zu verzichten. Vielen Dank!

Nach den „Klängen aus Mähren” erfreuen uns Kiyomi Helms und Urs Borer mit einer Auswahl „Norwegischer Tänze” von Edvard Grieg. Dann trägt der Chor die Idylle „Zigeunerleben” von Robert Schumann vor. Anschließend machen wir eine Pause von fünfzehn Minuten – zum Vergolden.

Das temperamentvolle und lebensfrohe „Zigeunerleben” komponierte Robert Schumann im Jahre 1840. Es war das Jahr, in dem er gegen den erbitterten Widerstand seines angehenden Schwiegervaters und unter Zuhilfenahme der Gerichte Clara Wieck heiraten konnte.

Zigeunerromantik hatte im 19. Jahrhundert eine große Zeit. Es war aber eine Wunschvorstellung vom Zigeunerleben als reine Verwirklichung von Sentimentalität und Leidenschaft, die die Musik alla ungharese in den Salons und Konzertsälen heimisch werden ließ. Mit wirklichen Zigeunern hatte das so wenig zu tun wie Johann Strauß’ „Zigeunerbaron” oder der von Alexandra besungene „Zigeunerjunge”.

Johannes Brahms geriet durch eine vertrackte Geschichte an dieses Genre: 1849 war der Aufstand der Ungarn blutig niedergeschlagen worden und viele ungarische Offiziere mussten flüchten, darunter auch Eduard Reményi, ein Paradiesvogel, der ein abgebrochenes Musikstudium hinter sich hatte. Er präsentierte sich als mitreißender Geigenvirtuose mit dem Gehabe eines Showstars. Brahms' Freund und Biograf Max Kalbeck beschreibt ihn so:

Mit seinen Zigeunerweisen und der besonderen Art ihres Vortrags nahm Reményi auch Sinn und Herz des jungen Brahms gefangen, und es bedurfte keiner großen Überredung, ihn zu einer Konzertreise auf gemeinschaftliche Unkosten zu verleiten. Brahms hatte sich in der Dämonie dieser, gleich einer unbezähmten Naturgewalt hervorbrechenden, vom tiefsten Schmerz der Melancholie jäh zur wilden Ausgelassenheit übermütiger Lust hinaufschnellenden Musik verliebt. Ihre nach der geheimnisvollen Wiege der Menschheit zurückreichenden, jeder Regel spottenden Harmonien mit den übermäßigen Intervallschritten und unberechenbaren Akkordsprüngen übten einen mystischen Reiz auf sein betroffen lauschendes Ohr aus, und der grenzenlose Reichtum ihrer mit blitzartiger Schnelligkeit der leisesten Bewegung des Gemüts folgenden, mannigfaltigen und eigentümlichen Rhythmen versprach ihm ungeahnte Schätze.

Von Reményi hieß es, er würde Bach und Beethoven nur spielen, um als Zugabe zigeunerische Weisen vortragen zu können. Auch ist von ihm der Spruch überliefert: „Werdää ich heiitää Kreiitzer-Sonatää spielän, dass sich Hoorää fliegän.” Es passt in das Charakterbild dieser schillernden Figur, dass er, obwohl die Melodien weitgehend als Allgemeingut galten und viele von ihnen schon früher als unsignierte Sammlung „Populäre Csárdás” erschienen waren, Brahms nach Erscheinen der „Ungarischen Tänze” jahrelang mit Plagiatsvorwürfen überzog. Max Kalbeck indes würdigt Brahms' Leistung mit den Sätzen:

Erst durch den Schliff erhält der Edelstein seinen vollen Wert, und erst die Fassung gibt ihm Ansehen und Bedeutung. Die ungarischen Amethysten und Topase wären bunte Kiesel geblieben, wenn Brahms sie nicht geschliffen und gefasst hätte.

Was hier auf die „Ungarischen Tänze” gemünzt ist, gilt auch für die „Zigeunerlieder” von Johannes Brahms. Nach den „Zigeunerliedern” nehmen wir eine kleine Umstellung im Programm vor. Wir widmen uns noch einmal Antonín Dvořák und bekommen eine Auswahl aus seinen „Slawischen Tänzen” am Klavier zu vier Händen geboten. Dann hören wir noch einmal unsere beiden Solisten. Den Anfang macht Sarah Weller mit „Zigeunerliedern” von Dvořák. Zwischendurch bringt Felix Rußwinkel mit „Biblischen Liedern” von Dvořák eine ganz andere Farbe in unseren herbstlichen Melodienstrauß.

Danach erfreuen uns noch einmal Kiyomi Helms und Urs Borer, und zwar mit einer Auswahl der „Ungarischen Tänze” von Johannes Brahms. Ich bin sicher, Sie werden beim Zuhören die fliegenden Haare des Zigeunerprimas Reményi vor sich sehen.

Zum Schluss wird es dann herbstlich-besinnlich. Wir haben uns dafür zwei Quartette von Johannes Brahms aufgespart, in denen romantische Empfindsamkeit am reinsten zum Ausdruck kommt. Nach „O schöne Nacht” folgt „Spätherbst”. Das ist nicht nur eine Anspielung auf die Jahreszeit und ein Aufgreifen des Veranstaltungstitels „Bunte Blätter”. Es ist auch eine verhalten klingende Mahnung an die Vergänglichkeit. Nicht zufällig erinnert es mit seinen Anfangstönen von Ferne an das dreißig Jahre zuvor entstandene „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras” aus dem „Deutschen Requiem”.

Zuerst aber die „Zigeunerlieder” von Johannes Brahms.

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