Plakat Offenes Singen

Ansage

Meine Damen und Herren! – oder besser:
Liebe Mitsängerinnen und Mitsänger!

Ich begrüße Sie herzlich zu unserem offenen Singen. Wie Sie schon an dem Textheft ersehen können, werden Sie viel Gelegenheit haben, sich selber singend zu beteiligen. Zwischendurch können Sie sich aber auch bei einigen Darbietungen des Chores entspannen. Wenn die Uhr umgestellt wird, wissen wir, es ist Herbst. Unser offenes Singen steht ganz im Zeichen des Herbstes, da ist es nur natürlich, dass immer wieder Nebelschwaden über die Felder ziehen.

Wir wollen uns sachte in den heutigen Nachmittag hineinfinden und fangen erst einmal damit an, einige Stücke anzudeuten. Danach geht es aber bald in die Vollen, sonst wäre ja auch das alles nicht zu schaffen, was Sie an Texten vor sich haben. Der Oktober beginnt ja meist mit dem Erntedankfest. Um einen Erntedank handelt es ich auch bei dem brasilianischen Lied „Debulhar o trigu”, dem Einbringen des Weizens, der sich dann auf wunderbare Weise in das Brot – „pão” – verwandelt.

Nach getaner Arbeit ist gut feiern, und das geschieht oft mit ausgelassenem Tänzen. Eine Reihe von Tanzliedern wird beschlossen mit dem „Since Robin Hood”. Der Titel nennt zwar Robin Hood, aber tatsächlich geht es die ganze Zeit um Will Kempe. Dieser Spaßmacher und Grotesktänzer schmückt deshalb auch die Titelseite Ihres Textheftes. Der Komponist Thomas Weelkes hat sein Schlenkern und Tanzen, sein Hüpfen und Schieben, sein Hopsen und Hampeln musikalisch ausgemalt.

Will Kempe
Will Kempe ( Source )

Nach zwei Kanons, die unser Chorleiter Nicolai Strauch mit Ihnen einüben wird, ist der Wald unser nächstes Thema, bunt, wie er sich im Herbst darbietet. Wer sich noch an den Film „Blair witch project” erinnert, der weiß, dass der Wald nur allzu leicht zu einem Ort des Horrors werden kann. In dem Film suchen drei Teenager nach der Hexe im Wald von Blair und kommen dabei auf mysteriöse Weise ums Leben. Aber so etwas wussten wir eigentlich schon seit der Kindergartenzeit, seit Hänsel und Gretel.

Nach der Vogelhochzeit begeben wir mit „Cunhatai porã” in den brasilianischen Urwald. „Cunhatai” ist ein indianisches Wort für „Mädchen, junge Frau”. – Es ist Abend am Rio Paraguay. Der Himmel schimmert in wolkenlosem Grau. Schwarz steht der Urwald gegen den Fluss, der breit und behäbig zwischen den Baumriesen dahinzieht. Geisterhafte Geräusche pfeifen und summen, trommeln und singen aus der Dunkelheit. Ein Boot gleitet langsam heran, darin ein Indio, der gedankenverloren seine Angebetete ansingt, als ob sie ihn hören könnte. Er extemporiert, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. „Cunhatai porã cherohayhu – Mädchen, du Schöne, ich liebe Dich. Wo willst du hin? Lass uns mit dem Zug fahren nach Ponta Prora oder Corumba, da nehme ich ein Boot und singe die Lieder – cantando as cancoes –, die man nirgends mehr hört.” Immer wieder diese wenigen Worte, wie im Traum. Und schon sind Boot und Sänger in der Dunkelheit verschwunden, zurück bleiben Wald und Fluss.

Schon im Erntedank klang das Lob des Herrn als des Ursprungs allen Segens an. Das wird noch klarer ausgesprochen in dem brasilianischen Lied „Cantai ao Senor – Singet dem Herrn”. Wir singen es gemeinsam auf Deutsch: „Ich sing dir ein Lied”. Auf Latein heißt das „Cantate domino”, und das wird der Chor danach in zwei verschiedenen Versionen anstimmen. Wir beschließen diese Sequenz mit dem lateinischen Hymnus „Jesu rex admirabilis – Jesus, wunderbarer König” von Palestrina.

Wir erinnern uns, dass der Herbst auch die Zeit der Jagd ist. Heinrich Hoffmann, der Dichter des Struwwelpeter, bedichtete das in dieser Form:

Es zog der wilde Jägersmann
Sein grasgrün neues Röcklein an
Nahm Ranzen, Pulverhorn und Flint,
Und lief hinaus ins Feld geschwind.

Er trug die Brille auf der Nas,
Und wollte schießen tot den Has,
Das Häschen sitzt im Blätterhaus
Und lacht den blinden Jäger aus.

Jäger
( Source)

So ähnlich ergeht es auch dem Jäger in der anonymen Umdichtung einer Sagenballade von Zuccalmaglio. Besagter Zuccalmaglio hat uns übrigens auch das gleich zu singende „Kein schöner Land” beschert.

Damit nähern wir uns allmählich dem gefühlvollen Teil unseres offenen Singens.

Bevor unser offenes Singen zu Ende geht, geben wir uns mit „Tea for Two” und „Vivat diesem Trunke” noch einem Moment der Ausgelassenheit hin. Antonio Salieri schrieb den Kanon „Vivat diesem Trunke”. Es ist derselbe Salieri, der in dem Film „Amadeus” völlig unberechtigterweise zum Neider, Gegner, ja zum Feind Mozarts gezeichnet wurde, aber in Wirklichkeit sein Förderer und Unterstützer war.

Danach lassen wir den Tag mit drei besinnlichen Liedern ausklingen. Sie waren ein wunderbares Publikum und sind uns bereitwillig durch unser Programm gefolgt. Haben auch selber singend viel zu seinem Gelingen beigetragen. Nun ist eine solche Veranstaltung immer auch mit Kosten verbunden. Wenn es Ihnen also gefallen hat, können Sie uns am Ausgang mit einer Spende bei der Finanzierung helfen. Ich bedanke mich jetzt schon mal ganz herzlich und wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.

Wir haben für Sie noch eine kleine Abrundung des heutigen Singens vorbereitet. Vielleicht wollen Sie in den Refrain mit einstimmen. Sie werden sehen, das ist ganz leicht.

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