Lieblingsgedichte

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(1616 – 1679)

Die Welt

WAs ist die Welt / und ihr berühmtes gläntzen?
Was ist die Welt und ihre gantze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurtzgefasten Gräntzen /
Ein schneller Blitz bey schwartzgewölckter Nacht.
Ein bundtes Feld / da Kummerdisteln grünen;
Ein schön Spital / so voller Kranckheit steckt.
Ein Sclavenhauß / da alle Menschen dienen /
Ein faules Grab / so Alabaster deckt.
Das ist der Grund / darauff wir Menschen bauen /
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm Seele / komm / und lerne weiter schauen /
Als sich erstreckt der Zirckel dieser Welt.
Streich ab von dir derselben kurtzes Prangen /
Halt ihre Lust vor eine schwere Last.
So wirstu leicht in diesen Port gelangen /
Da Ewigkeit und Schönheit sich umbfast.

Fünfhebige Verse, im Kreuzreim gebunden, teilen das Gedicht in vier vierzeilige Strophen ein, ohne dies durch Absetzen zu betonen. Jede hat ihr eigenes Thema, die erste den Zweifel an der Bedeutung weltlicher Pracht, die zweite den Widerspruch zwischen Schein und Wirklichkeit, die dritte die Aufforderung, sich höheren Zielen zu widmen, die vierte das Versprechen der Erlösung von niederem Erdendasein. Ein religiöser Bezug wird nicht ausdrücklich formuliert, steht aber, bildlich gesprochen, hinter dem Vorhang und souffliert.

„Die Welt” ist das Gedicht überschrieben. „Welt” ist hier nicht der Kosmos, nicht die Natur, nicht das Reich der Ideen, nicht das Feld der Künste, sondern der Ort des gesellschaftlichen Miteinanders, des Kampfes um Ansehen, Einfluss, Sex, Reichtum, Macht, um „Pracht” und um „gläntzen”. Dies zu durchschauen und sich von dem Kampfe frei zu machen, der, wenn überhaupt, nur zeitweilige Erfolge, „in kurtzgefasten Gräntzen”, verspricht, hilft es, „weiter [zu] schauen”, sich in Erinnerung zu rufen, wie kurz unser Leben, wie unbedeutend auch ein erfolggekröntes Dasein ist. Das wird zu Demut führen, und nur eine solche zu ”diesem Port”, diesem ruhigen Hafen nach einem sturmgepeitschten Leben, einem gefassten Sterben.

Das Kreisen um ein Thema mit langen Aufzählungen, oft ermüdend, war eine Spezialität barocker Lyrik. Wenn es wie hier souverän und virtuos gehandhabt wird, lässt man es sich gern gefallen, zumal Hoffmannswaldau merkt, wenn es genug ist. Was er uns sagen will, sagt er unverhüllt und verzichtet sogar auf das Heranziehen antiker Präzedenzfälle, bei seinen Zeitgenossen ein oft gebrauchter poetischer Trick. Durch diese im Barock unübliche Sparsamkeit an Dekor erhöht er nicht nur für heutige Leser seine Glaubwürdigkeit.

Obwohl Zeitgenosse von Andreas Gryphius, hat Hoffmannswaldau von den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges wenig mitbekommen, zumindest liest sich sein Lebenslauf wie eine Erfolgsstory aus Friedenszeiten. Er besuchte in Danzig das Akademische Gymnasium, immatrikulierte sich 1638 in Leiden und studierte Rechtswissen­schaften, begleitete einen Fürstensohn auf eine mehrjährige Bildungsreise durch Holland, England, Frankreich, Italien, heiratete 1647, erwarb als Kaufmann ein beachtliches Vermögen und wurde Gutsbesitzer, ließ sich in hohe politische Ämter, z.B. als Bürgermeister von Breslau, dann sogar als Landeshauptmann, berufen und verhandelte als solcher 1657 erfolgreich in Wien, belohnt mit den Titel Kaiserlicher Rat. Seine vielfältigen Aufgaben ließen ihm schließlich kaum noch Zeit, die Dichtkunst zu pflegen.

Hoffmannswaldau war ein vielseitiger Dichter, neben längeren Werken verfasste er eine große Zahl von Sinnsprüchen, geistlichen und weltlichen Liedern. Heute finden wir in Gedichtsammlungen vor allem Beispiele des von ihm begründeten galanten Stiles, in dem sich gegen Ende des Krieges und danach ein neues Lebensgefühl feierte:

Ein hals / der schwanen-schnee weit weit zurücke sticht
Zwey wangen / wo die pracht der Flora sich beweget
Ein blick / der blitze führt und männer niederleget
Zwey armen / derer krafft offt leuen hingericht
Wobei er auch vor gewagten Wendungen nicht zurück schreckte:
Was hilft mir doch ein bloß Berühren,
Wenn ich die Ros vom Stock nicht pflücken soll,
Darf ich die schnöden Hände zieren
Und füllen nicht das Herze voll?
     Verachte nicht die andern Glieder,
          Weil keines schlecht –
     Sind dir die Finger nicht zuwider,
Warum ist dir der Daumen denn nicht recht?
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