Lieblingsgedichte

Archipoeta (12. Jahrh.)

Einleitung der „Vagantenbeichte”

Estuans intrinsecus   ira vehementi
Innerlich brennend vor heißem Zorn,
in amaritudine   loquor mee menti.
schimpfe ich mit mir selber.
factus de materia   levis elementi
Aus flüchtigem Stoff bin ich geschaffen
folio sum similis   de quo ludunt venti.
wie ein Blatt, mit dem die Winde spielen.
Cum sit enim proprium   viro sapienti,
Während es einen klugen Mann ziert,
supra petram ponere   sedem fundamenti,
sein Haus auf Fels zu bauen,
stultus ego comparor   fluvio labenti,
gleiche ich Narr einem strömenden Fluss,
sub eodem aere   numquam permanenti.
und bleibe nie lange unter demselben Himmel.
Feror ego veluti   sine nauta navis,
Ich treibe dahin wie ein Schiff ohne Steuermann,
ut per vias aeris   vaga fertur avis;
wie auf luftigen Bahnen ein Vogel umherirrt,
non me tenent vincula,   non me tenet clavis,
mich hält weder Kette noch Schloss,
quero mei similis   et adiungor pravis.
meinesgleichen und schlechte Gesellschaft ziehen mich an.
Michi cordis gravitas   res videtur gravis,
Ernsthaftigkeit ist mir lästig,
iocus est amabilis   dulciorque favis.
Spaß ist mir lieb und süßer als Honig.
quicquid Venus imperat   labor est suavis,
Was Venus befiehlt, ist angenehme Mühe,
que numquam in cordibus   habitat ignavis.
wohnt sie doch nie in einem trägen Herzen.

Ein unsteter Geselle muss dieser archipoeta (= Erzdichter) gewesen sein, seinen Gedichten nach zu urteilen. Weniges ist von ihm bekannt, nicht einmal sein wirklicher Name, und dieses Wenige auch nur aus den paar Gedichten, die sich erhalten haben. Sein Pseudonym spielt an auf seinen Gönner, den Erzkanzler (archicancellarius) Friedrich Barbarossas und Erzbischof (archiepiscopus) von Köln, Reinald von Dassel. Ob er sich selbst so nannte, selbstbewusst oder selbstironisch, ob er von anderen so apostrophiert wurde, bewundernd oder sarkastisch, ob sein Gönner ihm das Attribut anheftete, anerkennend oder augenzwinkernd – wer weiß?

Es ist nicht einmal sicher, ob er wirklich so ein liederlicher Herumtreiber gewesen ist, wie er sich darstellt, oder ob er sich diesen Mantel nur als poetische Fiktion umgehängt hat, um seine Zuhörer zu unterhalten. Rudolf Schieffer verdeutlicht diesen Gedanken durch Veweis auf die bukolische Lyrik 1: „Sie wäre nicht entstanden, wenn es nicht im griechischen Altertum sangesfrohe Hirten in Arkadien gegeben hätte, die durch ihre poetische Schöpferkraft auffielen, und doch stammen natürlich alle überlieferten Texte von Kunstdichtern, die keine Schafe zu hüten pflegten.” Er vermutet in dem Dichter einen Mitarbeiter der erzbischöflichen Kanzlei, dem es als solchem weder an Anerkennung noch an Auskommen mangelte.

Die große Zahl erhaltener Abschriften legt nahe, dass diese Verse zu ihrer Zeit von der lateinkundigen, klerikalen Intelligentsia gekannt und gustiert wurden. Sie mag Gefallen gefunden haben an der Attitüde der Zerknirschung, vorgetragen in elegantem Latein, an der Darstellung einer Halb- und Gegenwelt in leicht dahinfließenden Versen.

Das Ganze steckt voller biblischer Anspielungen. Gleich in der ersten Zeile verweist das „estuans intrinsecus” auf Genesis 6,6 „tactus dolore cordis intrinsecus” – „da reute es ihn”, nämlich dass er die Menschen gemacht hatte. Die Hörer oder Leser werden die blasphemische Gleichsetzung von Schöpfergott und schöpferischem Poeten wohl bemerkt haben. – Die Berufung des Apostels Petrus als Fundament der Kirche wird in der zweiten Strophe unverblümt angesprochen: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.”(Matthäus 16,18) – In der dritten Strophe beruft er sich, halb entschuldigend, auf Christi Wort: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen.”(Matthäus 6,26)

Als die Carmina Burana im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurden, trafen sie auf eine große Mittelalter-Begeisterung. Diese idealisierte alles Mittelalterliche, nahm die Zerknirschung bierernst und verpasste der Beicht-Parodie den Titel „Vagantenbeichte”. Einige Strophen fanden sogar Eingang in die Kommersbücher der gerade aufkommenden Studenten­verbindungen, so auch diese:

Meum est propositum   in taberna mori,
Mein Ziel ist, in der Schenke zu sterben,
ut sint vina proxima   morientis ori;
wo mir noch im Tod der Wein den Mund benetzt.
tunc cantabunt letius   angelorum chori:
Dann werden Engelchöre fröhlich singen:
„Sit Deus propitius   huic potatori.”
„Sei Gott diesem Säufer gnädig!”

Da wird aus dem reumütigen „Sei Gott dem Sünder (peccatori) gnädig” ein auftrumpfendes „Sei Gott dem Säufer (potatori) gnädig” – dies Wortspiel ist nur witzig, wenn man in feucht-fröhlicher Runde beisammen sitzt.

Ludwig Laistner (1845 – 1896) 2 hat die Vagantenbeichte in deutsche Versen nachgedichtet:

Heißer Scham und Reue voll,
Wildem Grimm zum Raube,
Schlag’ ich voller Bitterkeit
An mein Herz, das taube:
Windgeschaffen, federleicht,
Locker wie von Staube,
Gleich’ ich loser Lüfte Spiel,
Gleich’ ich einem Laube!
Denn indes ein kluger Mann
Sorglich pflegt zu schauen,
Daß er mög’ auf Felsengrund
SeineWohnung bauen:
Bin ich Narr dem Flusse gleich.
Den keinWehr darf stauen.
Der sich immer neu sein Bett
Hinwühlt durch die Auen.
Wie ein meisterloses Schiff
Fahr’ ich fern dem Strande,
Wie der Vogel durch die Luft
Streif ich durch die Lande.
Hüten mag kein Schlüssel mich,
Halten keine Bande.
Mit Gesellen geh’ ich um –
O, ’s ist eine Schande!
Traurigkeit – ein traurig Ding,
Das mich mag verschonen;
Scherz geht über Honigseim,
Der will sich verlohnen.
Mir ist in Frau Venus Dienst
Eine Lust zu fronen,
Die in eines Tropfen Herz
Nie hat mögen wohnen.
[ ... ]
Mein Begehr und Willen ist:
In der Kneipe sterben,
Wo mir Wein die Lippen netzt,
Bis sie sich entfärben!
Aller Engel Jubelchor
Wird dann für mich werben:
„Laß den wackern Zechkumpan,
Herr, dein Reich ererben!“
_________________
1 Mitteilungen des österreichischen Instituts für Geschichtsforschung, Bd. 98/1-2, Wien 1 990, S. 65 (10.5.2020)
2 abgedruckt in: Reich, Hermann, Hrsg., Deutsche Dichter des lateinischen Mittelalters, in deutschen Versen von Paul von Winterfeld, beim Warburg Institute der Universität London, (11.9.2021)
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