Zur Hochzeit


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Liebe […] !

Aus ganzem Herzen freue ich mich, dass wir heute das Hochzeitsfest von […] gemeinsam feiern. Große Worte liegen mir nicht - das haben andere schon besser gemacht. Liebes Hochzeitspaar, wie sehr freuen wir uns, dass ihr beide euch gefunden habt. So manches Mal haben wir uns diesen Tag herbeigewünscht, nun endlich ist er da. Wir sind glücklich, dass wir nicht nur […] einen neuen Sohn bekommen haben, sondern auch seine Eltern jetzt zur Familie gehören. Damit haben wir uns auf einen Schlag glücklich verdoppelt.

Liebespaar
Liebespaar 1

Obwohl es mich juckt, Schwänke aus Kindheit und Jugend hier publik zu machen, verkneife ich mir das. Aber Ihr beide seid ja in der letzten Zeit viel gereist und habt damit Neugier und Wissensdurst gezeigt, wie es in der Welt zugeht. Da habe ich in einem „Damen-Conversations-Lexikon” aus dem Jahre 1883 unter dem Stichwort „Braut und Bräutigam” 2 einiges Passendes für Euch gefunden. Ich zitiere:

[…] Bei den alten Griechen wählte der Vater den Gatten für die Tochter, Braut und Brätigam reichten sich mit den anwesenden Verwand­ten als Unterpfand der Treue die Hand, schworen sich Liebe, und ga­ben sich den ersten Kuß. Bis zur Vermählung schmückte der Bräuti­gam die Thür der Braut mit Blumenkränzen und suchte ihr durch an­dere Aufmerksamkeiten seine Liebe zu beweisen. – Der Neugrieche wählt die Braut entweder selbst aus Neigung oder wird schon im zar­testen Alter mit ihr von den beiderseitigen Eltern verlobt. – Der Römer erkor zwar die Braut nach eigener Wahl, doch mußte sie von sämmtli­chen Eltern und Verwandten gebilligt sein. – Die jetzige Italienerin folgt meistens nur ihrer Leidenschaft, die sie gewöhnlich schon sehr früh in den Brautstand versetzt. – Die alten Hebräer, wie ihre Ab­kömmlinge, die heutigen Juden, überlassen die Wahl der Braut oder des Bräutigams selten, wenigstens nie allein, den dabei betheiligten Personen, sondern es entscheidet der Wille der Eltern. Das Mädchen wird entweder vom Vater des Bräutigams, oder von einem sogenann­ten Freiwerber geworben, der dafür in der Regel ein Geschenk erhält. – Der Araber läßt durch einen Verwandten um die Braut bei ihrem Vater anhalten, und sich über den Kaufpreis vereinigen. – Der Türke empfängt und verabschiedet seine Braut ohne alle Feierlichkeit; eben so der Perser, dem es frei steht, sich ordentlich zu verheirathen oder eine Frau zu miethen. – Die Chinesen verloben ihre Kinder oft schon vor der Geburt oder im zartesten Alter, und Braut und Bräutigam dürfen sich vor der Hochzeit nie sehen. – Der Kamtschadale läßt seinen künftigen Schwiegersohn bald eine längere, bald eine kürzere Zeit in seinem Hause um die Braut dienen, doch bleibt es dieser freigestellt, ob sie den arbeitenden Bewerber annehmen will oder nicht. – Bei den Letten und Esthen macht der Branntwein den Freiwerber um die Braut, und erst wenn dieser von den Eltern oder Angehörigen des Mädchens angenommen und getrunken worden ist, kann der junge Mann die Begehrte (falls er auch ihrer Liebe gewiß war) als Braut betrachten. […] – Bei den Hottentotten gehen Vater und Sohn, Tabak rauchend, auf die Brautwerbung aus, und nur wenn das Mädchen schon versprochen ist, darf ein Korb gegeben werden. – Bei einigen heidnischen Völkern in Amerika wird die Braut 40 Tage eingesperrt, weil man den Aberglauben hegt, daß Verlobte Alles verderbten, was sie anrührten. […]

Soviel davon. Ihr seid gerade erst aus […] zurück, wo Ihr drei lange Jahren gelebt habt. Jetzt müsst Ihr beides auf einmal verkraften, den neuen Ehestand und das alte Europa. Ich wünsche Euch, dass Euch beides nicht schwer werden möge. Es ist nicht der Zeitpunkt, mit guten Ratschlägen zu nerven. Trotzdem kann ich mir nicht verkneifen, Euch zwei Dinge auf den Weg zu geben. Das erste ist, allezeit Verantwortung zu übernehmen für die heute gegründete neue Familie, Verantwortung für das Gelingen dessen, was Ihr heute angepackt habt, Verantwortung füreinander aber auch jeder für sich selber. Und das zweite hängt eng damit zusammen, dass nämlich bei aller Gemeinsamkeit jeder doch eine ei­gene Persönlichkeit ist mit seinen eigenen Gedanken, Ideen, Wünschen und Vorlieben, und dass die Zusammengehörigkeit sich auch gerade darin zeigt, diese zu teilen, gut zu heißen und gelten zu lassen.

Und so bitte ich alle, mit mir ihr Glas zu erheben. Wir wünschen Euch für Euren gemeinsamen Lebensweg alles Gute. Wir wünschen Euch das Glück eines langen gemeinsamen Lebensweges. Wir wünschen Euch allezeit einen liebevollen Zusammenhalt in – wie es in der Traulithurgie heißt – „guten wie in schlechten Zeiten”, und wir wünschen Euch, dass die guten Zeiten bei Weitem überwiegen mögen.

AUF EURE GEMEINSAME ZUKUNFT!



1 nach einem Plakat des  Meller Madrigalchores
2 zitiert nach  http://www.zeno.org/ (22.4.2012)
© Lothar Melching Letzte Änderung: 22.04.2012 zum Seitenanfang