Geburtstag T.


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Liebe T.!

Als ich vor nunmehr fast vierzig Jahren meinen Lebensmittelpunkt vom Ruhrgebiet nach Melle an den Engelgarten verlegte, waren Frommes dort so etwas wie die Seele der Nachbarschaft. Es war nicht zuletzt Euer Verdienst, dass wir uns dort sogleich heimisch und aufgenommen fühlten. Ohne das herzliche Entgegenkommen der übrigen Nachbarn schmälern zu wollen, braucht es doch immer so etwas wie die Hefe im Teig, damit dieser richtig aufgeht. Und diese Hefe wart Ihr.

Oder anders: Vor einigen Jahren, Ihr erinnert Euch sicher, waren alle verrückt nach Sauerteig. Eine kleine Startportion wurde von Hand zu Hand weitergegeben, sie durchsäuerte den gesamten Teig, dem man dann wieder eine Startportion zur Weitergabe entnehmen konnte. Diese Startportion wurde Hermann genannt, und wo ein Hermann ist, ist, literarisch gesehen, eine Dorothea nicht fern.

Hermann & Dorothea
Hermann und Dorothea 1

Hermann und Dorothea, seit Goethes idyllischen Versepos die feststehende Verbindung schlechthin, zusammengehörig wie die Dioskuren Castor und Pollux, oder wie, Jürgen von Manger lässt grüßen, Castrop und Rauxel.

Lasst uns sehen, was unser Dichter in wohlgesetzten Hexametern zum heutigen Feste beizutragen hat.

Er sah sicher voraus, dass heute ganz Melle, oder wenigstens ein großer Teil, Dir seine Aufwartung macht, und beginnt deshalb:

Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!

Vielleicht geht ja von dem Namen Dorothea eine magische Wirkung aus, vielleicht prägt der Name das Wesen und ruft stets die­selben Charaktereigenschaften hervor. Wie sonst konnte Goethe Dich so weit kennen, über Dich zu dichten:

Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich.

Wie konnte er vor gut 220 Jahren voraussehen Du seiest

Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüte.

oder Dich so charakterisieren:

Ja, und das schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird,
Zeigte sich tapfer und mächtig und gegenwärtigen Geistes.

Welcher man solches zuspricht, der ist auch zuzutrauen, dass sie Ziele sich setzt und diese auch erreicht:

Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich.

Doch das zu würdigen sind andere berufener als ich. Liebe Thea! Ich habe mir nicht vorab das Mandat der Engelgärtner geben lassen, aber ich denke ich spreche in Ihrer aller Sinn, wenn ich sage, du gehörst als Urgestein zu uns. Mögen sich die Zeiten ändern und der Engelgarten sein Aussehen, auch dazu ein Zitat:

Alles regt sich, als wollte die Welt, die gestaltete, rückwärts
Lösen in Chaos und Nacht sich auf und neu sich gestalten.

– Es gibt doch gewisse Konstanten, die in allen wechselhaften Zeitläuften Beständigkeit vermitteln, und Du gehörst nun einmal seit Jahrzehnten zu uns und zum Engelgarten und es gilt auch hier

Gab die Natur uns auch die Lust, zu verharren im Alten
Und sich dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist.

Deshalb wünschen wir Dir heute, dass auch Du Dich freust an dem, was lange gewohnt ist, und es noch lange in Muße genießen kannst. Und so beschließe ich meine guten Wünsche mit einem letzten Zitat

Frisch, Herr Nachbar …

Hier irrt Goethe, natürlich muss es heißen: Frisch, Frau Nachbarin … Aber bleiben wir um des klassischen Versmaßes willen beim ursprünglichen Wortlaut:

Frisch, Herr Nachbar, getrunken! denn noch bewahrte vor Unglück,
Gott uns gnädig und wird auch künftig uns also bewahren.


1 Skulptur von Steinhäuser im Schlosspark von Karlsruhe, Aufnahme von Ryukai, lizensiert unter Creative-Commons-Lizenz auf raus (1K) http://ka.stadtwiki.net/
© Lothar Melching Letzte Änderung: 25.6.2011 zum Seitenanfang