Geburtstag mit Orchideen


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21.9.2013

Lieber E.!

Dass Du im Jahre 1953 auf die Welt gekommen bist, ist ja nur der Zufälligkeit unserer Jahreszählung geschuldet.

Wärest Du ein Römer, wäre es das Jahr 2706 ab urbe condita, d. h. nach der mythischen Gründung Roms durch Romulus und Remus. Wärst Du Buddhist, wäre es das Jahr 2497, gerechnet ab dem Tod des Siddharta Gautama. Nach jüdischer Rechnung wäre es das Jahr 5714 nach Erschaffung der Welt. Nach der biblischen Überlieferung soll diese nämlich am 6. Oktober 3761 vor unserer Zeitrechnung abends um 11 Uhr 11 Minuten 20 Sekunden mit dem Gotteswort „Es werde Licht“ erfolgt sein. Nach dem französischen Revolutionskalender wäre es das Jahr 161, denn eigenartigerweise begann seine Zählung nicht 1789 mit dem „Jahr 1 der Freiheit“ sondern 1792 mit dem „Jahr 1 der Gleichheit“. Der chinesische Kalender ist kompliziert, jedenfalls bist Du im „Jahr der Schlange“ geboren, das übrigens alle zwölf Jahre und deshalb auch heuer wiederkehrt.

Haeckel, Orchideen
Haeckel, Orchideen 1

Nach jeder Rechnung bist Du aber heute sechzig Jahre alt geworden, das ist ja wirklich ein Grund zum Feiern, und deshalb sind wir heute hier. Und weil es dazugehört, dem Geburtstagskind etwas mit zu bringen, haben wir vom Madrigalchor uns auch dazu Gedanken gemacht. Da kam uns dann sehr zustatten, dass Du ein Hobby hast: ORCHIDEEN.

Orchideen werden als besonders schön angesehen, und vielen gilt die Orchidee als Königin der Blumen. Schon Konfuzius berichtete von ihrem Duft und verwendete sie als Schriftzeichen lan, was so viel wie Anmut, Liebe, Reinheit, Eleganz und Schönheit bedeutet. In der chinesischen Gartenkunst gilt sie als Symbol für Liebe, Schönheit und für ein junges Mädchen.

Übrigens: der Name!

In der griechischen Mythologie wurde Orchis, der Sohn eines Satyrs und einer Nymphe, von Bacchanten getötet. Durch die Gebete seines Vaters wurde er in eine Pflanze verwandelt, die nun seinen Namen trägt.

Ein Satyr ist ein Dämon im Gefolge des Dionysos. Meist werden die Satyrn stupsnasig, glatzköpfig, unbekleidet und mit aufgerichtetem Phallus dargestellt. Die Satyrn sollen als Truppe des Dionysos in der Schlacht der Götter mit den Giganten gekämpft haben und mit dem Geschrei ihrer Esel die Giganten in Furcht und Schrecken versetzt haben.

Nymphen galten als wohltätige Geister von Orten, Bergen, Bäumen, Wiesen oder Grotten, sind aber nicht immer an dieselben gebunden, schweifen vielmehr frei umher, führen Tänze auf, jagen das Wild, weben in kühlen Grotten, pflanzen Bäume und sind auf verschiedene Weise den Menschen hilfreich. In der bildenden Kunst werden Nymphen meist als liebliche Mädchengestalten dargestellt, gewöhnlich leicht bekleidet und Blumen und Kränze tragend.

Das – ist die poetische Deutung, die andere ist prosaischer. Der griechische Philosoph Theophrastos von Eresos war der erste Naturforscher, der etwa 300 v. Chr. diese Pflanzen wissenschaftlich erwähnte. Wegen der doppelten Wurzelknollen und deren Ähnlichkeit mit den männlichen Genitalien benannte er sie orchis, das ist das griechische Wort für Hoden. Er begründete auch den Aberglauben, dass Frauen, die die stärkere und saftigere der beiden Knollen aßen, einen Knaben gebären würden, daher auch der deutsche Name Knabenkraut.

Das Mehl der Knollen war im Altertum ein hochbezahltes Aphrodisiakum, die Pflanzen heißen deshalb in manchen Gegenden heute noch Liebeswurz.

Wegen ihrer exotischen Schönheit wurde die Orchidee immer wieder als Sinnbild für bedeutende Frauen gewählt. Pearl S. Buck beschreibt in ihrem Buch Das Mädchen Orchidee das Leben der chinesischen Kaiserinwitwe Cixi, die von einer Konkubine 4. Grades zur Kaiser-Gemahlin aufstieg. Sie übernahm dreimal die Regentschaft, zuerst für ihren Sohn Tongzhi, nach dessen Tod für ihren Neffen Guangxu, und nachdem sie diesen kalt- und unter Hausarrest gestellt hatte, für ihren kleinen Neffen Puyi, den letzten Kaiser. Immerhin verdanken wir ihr den Sommerpalast in Peking, für den sie allerdings Mittel verwendete, die eigentlich für den Bau einer modernen Flotte vorgesehen waren.

Der 1918 verstorbene Dichter Christian Wagner war von einer nachtduftenden Orchidee so fasziniert, das er ihr folgendes Gedicht widmete:

Waren's Blumen mit den wunderbaren
Silberhellen kleinen Flügelpaaren?
Oder waren's fragt ich Blumenengel,
Hingeheftet an die Blütenstengel?

Waren's Blumen die beim Mondenschimmer
Mir mit Duft erfüllt mein kleines Zimmer?
Oder hatten durch die Nacht geklungen
Traumhaft süße Überlieferungen?

Lieber E.! Genug der Worte! Wir freuen uns, das wir heute mit Dir Deinen sechzigsten Geburtstag feiern können. Wir hoffen, dass Du noch viele Geburtstage bei guter Gesundheit und in so guter Stimmung verleben kannst. Und damit Du etwas hast, woran Du Dich das ganze kommende Jahr über ergötzen kannst, haben wir Dir etwas zur Erweiterung und Vervollständigung Deiner Orchideensammlung mitgebracht. Mögest Du viel Freude daran haben und Dich bei Deinen Blumen vom Stress und von den Sorgen des Alltags ausruhen. Jetzt bitte ich, alle Anwesenden mit mir ihr Glas zu erheben:

AUF DAS WOHL UNSERES GEBURTSTAGSKINDES!


1 Aus Ernst Haeckels „Kunstformen der Natur”, erschienen 1899. Als gemeinfrei veröffentlicht unter   http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Haeckel_Orchidae.jpg. Dort kann man auch nachlesen, welche Orchideenarten hier dargestellt sind.
© Lothar Melching
Erstellt: 11.9.2011
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