Messgrößen


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„Denn nur tote Worte sind wie Zeichen, die ein einfach Bestimmtes bezeichnen. Vieldeutig und vielschichtig aber ist das lebendige Wort. […] Die Präzision des Wortes liegt in seiner Vieldeutigkeit. Jedes Wort eröffnet dem Sprachkünstler zahllose Gedankengänge. Auf tausend Umwegen führen sie alle zu einem neuen Wort, vieldeutig in der Erinnerung langer Wanderungen. Darum ist die Waffe, scheinbar so wirkungsvoll in den Händen von auf logische Präzision erpichten Geistern, ein zweischneidiges Schwert - die Waffe von ‚Was meinen Sie damit?’. Sie mag zuletzt die Sprache selbst besiegen, wenn sie nicht ruht, ehe die sprachliche Leere der mathematischen Genauigkeit erreicht ist. Im Übermaß angewendet, zerstört sie all die feinen, undefinierbaren und unwägbaren Übereinkommen, die die Grundlage sind für jede Kulturgemeinschaft.”1)

Begriffe sind dazu da, dass wir uns miteinander verständigen, unsere Gedanken, Gefühle, unsere Einsichten mitteilen, Einsichten womöglich hervorrufen, Erfahrungen austauschen, Gemeinsamkeit des Denkens und Handelns herstellen. Wir versuchen, nicht nur Gegenstände, sondern auch Zusammenhänge, Erfahrungen, Abstraktionen zu benennen, in der Hoffnung, sie auf diesem Wege kommunizierbar zu machen.

ziegel (6K)

Farbbezeichnungen sind von dieser Art. Farbe ist physikalisch nichts weiter als Wellenlänge, vielleicht noch ein Gemenge von Wellenlängen. Farbe ruft in den Sehnerven des Auges einen speziellen Reiz hervor. Aber die Farbempfindung entsteht erst im Gehirn. Wir unterstellen, dass dieselbe Wellenlänge stets dieselbe Farbempfindung hervorruft – rot ist rot. Vielleicht ist rot wirklich immer rot, aber trifft das auch auf die subtilen Abstufungen des Rot zu, auf Beimengungen von Orange oder Blau, auf Anteile von Weiß oder Schwarz, auf unterschiedliche Sättigung, Leuchtkraft, Schattierung, auf die Lichtreflexe einer glänzend roten Kugel, das irisierende Leuchten geschmeidig roter Seide oder den schweren Faltenwurf dunkelroten Samtes?

„Und jetzt die größeren Farbskizzen, weiße Blätter mit leuchtenden Farbflächen in Wasserfarben: die rote Villa im Gehölz, feurig glühend wie ein Rubin auf grünem Sammet, und die eiserne Brücke bei Castiglia, rot auf blaugrünem Berg, der violette Damm daneben, die rosige Straße. Weiter: der Schlot der Ziegelei, rote Rakete vor kühlhellem Baumgrün, blauer Wegweiser, hellvioletter Himmel mit der dicken wie gewalzten Wolke. Dies Blatt war gut, das konnte bleiben. Um die Stalleinfahrt war es schade, das Rotbraun vor dem stählernen Himmel war richtig, das sprach und klang: aber es war nur halb fertig, die Sonne hatte ihm aufs Blatt geschienen und wahnsinnige Augenschmerzen gemacht. Er hatte nachher lange das Gesicht in einem Bach gebadet. Nun, das Braunrot vor dem bösen metallenen Blau war da, das war gut, das war um keine kleine Tönung, um keine kleinste Schwingung gefälscht oder missglückt.” 2)

Vielleicht werden wir irgendwann in der Lage sein, die Nervenimpulse nachzuweisen, die ein spezielles Rot im Gehirn auslösen. Zu lokalisieren, wo sie entstehen, wohin sie zielen, wie stark sie sind, wie lange sie andauern. Der hervorgerufenen Empfindung kommen wir dadurch kein bisschen näher. Denn diese ist auch ein Produkt der Vorgeschichte des Farbreizes. Wann sind mir ähnliche Erfahrungen schon einmal untergekommen? Wass habe ich dabei empfunden? War es in einem angenehmen oder unangenehmen Kontext? In wessen Gesellschaft habe ich diese Farbe schon einmal erlebt? Mit welchem Geschmack, Geruch oder Geräusch traf sie zusammen? War ich hungrig oder satt, geruhsam oder in Eile, war mir kalt oder warm, habe ich mich gefreut oder geärgert?

Und dann sollen Farben auch noch eine Bedeutung, einen Gemütswert haben. ‚Grün beruhigt’. Und nach ausgeklügelten Schemata zueinander passen. ‚Blau und Grün beißen sich’. Solche Zuschreibungen sind erst recht nicht objektivierbar, vielmehr Ergebnis kultureller Übereinkunft. Wie anders könnte die Farbe der Trauer Schwarz bei uns, Weiß bei den Chinesen sein?

Wenn der Physiker ‚Farbe’ sagt, meint er ‚Wellenlänge’ und nichts anderes. Die unerhörte Vielschichtigkeit wird ausgeblendet und ignoriert. Das ganze Interesse fokussiert sich auf das Messbare. Welche Welt erschließt sich denn mit der Angabe ‚λ = 682,3 Nanometer’? Nachdem allerdings die Physiker den Begriff der Farbe erst einmal in die Hände bekommen haben, wirkt ihre verengte Anschauung wieder auf den ursprünglichen Begriff zurück. Ohne dessen Vielschichtigkeit aufzugeben, tritt hinfort der physikalische Aspekt der Wellenlänge hinzu. Wir sollten das nicht als Verarmung, sondern als Bereicherung ansehen, uns aber gleichzeitig die volle Bedeutungsvielfalt bewahren und nicht darauf hereinfallen, nur noch das, was messbar ist, für bedeutsam und wichtig und wirkungsvoll zu halten.

Als James Watt die Dampfmaschine so weit verbessert hatte, dass an ihren kommerziellen Einsatz zu denken war, brauchte er ein griffiges Argument, um mögliche Käufer zu überzeugen. Bislang wurden zum Ziehen von Karren und Bahnen, zum Betreiben von Göpelwerken Pferde eingesetzt. Es schien am überzeugendsten, darzulegen, wieviele Pferde es wohl braucht, um dasselbe zu bewerkstelligen wie diese neuartigen technischen Wunderwerke. Die Größe Stärke, Leistung (engl. power) war geboren und als ihre Einheit nahm Watt die fiktive Stärke eines einzelnen Pferdes.

Davor gab es Wind- und Wassermühlen. Aber mit denen war man immer davon abhängig, dass der Wind weht oder der Bach Wasser führt. Dampfmaschinen waren die ersten technischen Geräte, die von solchen Widrigkeiten unbehelligt jederzeit mechanische Arbeit verrichten konnten.

„Aus der Mühle schaut der Müller,
Der so gerne mahlen will.
Stiller wird der Wind und stiller,
Und die Mühle stehet still.
 
‚So geht's immer, wie ich finde!’
Rief der Müller voller Zorn.
‚Hat man Korn, so fehlt's am Winde,
Hat man Wind, so fehlt das Korn!’ ” 
(Wilhelm Busch, aus: Schein und Sein)

Und da sind wir einem weiteren physikalischen Begriff begegnet: Arbeit. Das ganze Elend der menschlichen Existenz.

‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.’ 
(1. Mose 3, 19)

Der Inbegriff von Sorge und Plage.

‚Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von heleden lobebæren, von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten
muget ir nu wunder hœren sagen.’  (Nibelungenlied)

Aber auch jegliche Art von Anstrengung, von Mühe, von innerer Anspannung, von erschöpfender Tätigkeit, von Stress, geistiger Arbeit, intellektueller Arbeit, Gefühlsarbeit. Wir stellen uns die Aufgabe, etwas aufzuarbeiten, und das muss nicht die liegengebliebene Steuererklärung sein, es kann sich auch um ein traumatisches Erlebnis handeln. Das alles ist durch das Produkt aus Kraft und Weg wirklich nicht zu erfassen – zumal diese Faktoren selbst schon den Prozess der Verengung durchgemacht haben.

Da ist der Begriff der Energie weitaus weniger mit nichtphysikalischen Vorstellungen behaftet, weniger problematisch ist er dadurch nicht. Aber wenigstens vermeidet er das Missverständnis, als sei mit der physikalischen Definition der Arbeit dieser Begriff nun in seiner ganzen Breite, Tiefe und Vielschichtigkeit erfasst. Das kann die Physik nicht leisten. Auch sie erfasst nur einen Aspekt, den physikalischen eben.

Die Physiker wissen um diese Einschränkung, auch wenn sie sich über diesen Kreis hinaus noch nicht so recht herumgesprochen hat. Viele Missverständnisse rühren daher, dass eine physikalische Messgröße und ein allgemeiner Begriff in eins gerührt werden. Unsere Vorstellung von der Zeit und die Messvorschrift für die Zeitmessung sind ein Beispiel, welche Probleme sich daraus ergeben.

Wenn ich mich vor den Spiegel stelle und den rechten Arm hebe, hebt mein Spiegelbild gleichzeitig den linken. Auch wenn es sich um die spiegelnden Fensterscheiben an einem vorbeifahrenden Zug handelt, ist dies meine Erfahrung. Wie das allerdings ausschaut, wenn der Zug sich mit dem Tausendfachen seiner gewöhnliche Geschwindigkeit bewegt, darüber lässt sich beim besten Willen keine Erfahrung gewinnen, solche Züge gibt es nicht, und gäbe es sie, könnten unsere Augen ihnen nicht folgen. Hier sind wir auf die Aussagen der Physik angewiesen, die ihren Zeitbegriff aber von der Schwingung gewisser Atome ableitet und nur daraus mathematisch einwandfreie Schlüsse ziehen kann.

Fassen wir zusammen: es gibt allgemeine Begriffe wie Farbe, Arbeit, Zeit, und es gibt physikalische Größen, die – aus historischen Gründen oder auch nur aus Missverständnissen – mit ebendiesen Namen belegt sind. Das ist vielleicht unschön, jedoch solange unproblematisch, wie wir uns dieses Unterschiedes bewusst bleiben. Die Physiker sind es jedenfalls, sie haben, die Vermengungen persiflierend, Eigenschaften der sogenannten Quarks, der Bauteile von Elementarteilchen, als Seltsamkeit, Charme und Schönheit bezeichnet, obwohl oder gerade weil diese Eigenschaften in Wirklichkeit an gar nichts Bekanntes erinnern.

Baustelle (1K)
„Niemand weiß, wo die Grenze zwischen nichtintelligentem Verhalten und intelligentem Verhalten liegt; wahrscheinlich ist es sogar töricht zu sagen, dass eine scharf gezogene Grenze existiert. Aber sicher sind die folgenden Eigenschaften wesentliche Voraussetzungen für Intelligenz:

Das Ergebnis eines Intelligenztests als Ausweis der Intelligenz anzusehen, ist nicht grundsätzlich etwas anderes als aus der Kopfform auf den Charakter, aus den Handlinien auf die Zukunft zu schließen. Und sind Schulnoten nicht genauso problematisch?


1) Heller, Erich, Studien zur modernen Literatur, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1963, S. 60
2) Hesse, Hermann, Klingsors letzter Sommer, Suhrkamp Taschenbuch, 19851, S. 15
3) Hofstadter, Douglas R., Gödel, Escher, Bach, Stuttgart: Klett-Cotta, 198811, ISBN 3-608-93037-X, S. 29
© Lothar Melching Letzte Änderung: 25.6.2011 zum Seitenanfang