Lieblingsgedichte

Ulrich Zieger (1961 – 2015)

anno domini 1514

vor dem engel der melancholie ist gewarnt worden:
näher betrachtet mag er nur ein namenloser stern im sternbild
schneemann sein das wäre schon einiges,
vor dem engel der melancholie ist gewarnt worden:
alles vor dem eine warnung besteht weist auf neugier doch ist
vor dem engel der melancholie stets gewarnt worden,
es ist vor sämtlichen engeln gewarnt worden;
wer die warnungen in den wind schlug geht herbstlich zerzaust
durch alleen heruntergefallener raschelnder blätter,
das potpourri der angebote wird von ihm
notorisch mit verschimmelter topf übersetzt oder nicht übersetzt
denn es wird nicht zur kenntnis genommen,
wenn man an warnungen erinnert wird
die man in den wind schlug,
wenn man von warnungen ermüdet wird
die man beachtete,
vor dem engel der melancholie ist zum beispiel gewarnt worden,
vor diesem schneesternchen da, diesem rundgesang
engelns der melancholie.
(aus Lyrik–line, 19.8.2021)

Willkürlich in Zeilen aufgebrochene, kunstlose Prosa, ermüdende Wieder­holungen, eine erst einmal rätselhafte Überschrift, Zieger macht es uns nicht leicht. Das ist Absicht, es unterstreicht den selbstquälerischen Grundton seines Textes.

Das Jahr 1514 ist ein Jahr wie viele andere: Eine Fehde in Ostfriesland, ein Bauernaufstand in Württemberg, Venedig brennt, ein Elefant kommt nach Rom – und Dürer schafft seinen berühmten Kupferstich Melencolia I. Da ist er, der „engel der melancholie”.

Die Kunsthalle Karlsruhe1 merkt an: Das Blatt „gilt als das meist kommentierte Werk der Kunstgeschichte überhaupt. Nach wie vor entzieht es sich einer lückenlosen, umfassenden Deutung. […] In einer komplexen Symbolik zeigt Dürer die Melancholie als bestimmendes Tempera­ment des kreativen Künstlers, der in Gestalt eines geflügelten weiblichen Genius schwermütig das eigene Unvermögen reflektiert.”

Dürer Melncolia 1 (Ausschnitt)
(Ausschnitt) Source (18.8.2021)

Die Hand will gestalten, der Zirkel ist bereit, aber die Augen schweifen sinnend in eine unbestimmte Ferne, der Gedanke will sich nicht einstellen, eine Schreibblockade, das Schlimmste, was einem Autor zustoßen kann. Deshalb ist immer wieder „vor dem engel der melancholie […] gewarnt worden”.

Es hilft nicht, diesen zu bagatellisieren als „namen­loser stern im sternbild schnee­mann”, das es gar nicht gibt, als hypothetische Gefahr im Nirgendwo. Die Warnung steht im Raum; ob sie eine Erfahrung oder nur eine Befürchtung ausspricht, bleibt offen. Die Konsequenz jedenfalls zeigt sich, wenn statt poetisch verdichteter Sprache Papierdeutsch herauskommt wie in der Zeile „alles vor dem eine warnung besteht weist auf neugier”.

Können Warnungen den „engel der melancholie” vertreiben? Es gibt Warnungen, deren Nutzlosigkeit in ihnen selbst gegründet ist, etwa „Grüble nicht!” oder „Sei natürlich!” oder „Lass dir was einfallen!” Auch die Warnung vor der Melancholie gehört dazu. Generell gilt, durch Warnungen zu helfen gelingt selten, das ist deprimierend. Eine seltsame Rückkopplung tut sich auf: Zu warnen und zu merken, wie vergeblich das ist, kann in den Wahnsinn treiben; man müsste den Warnenden vor dem Warnen warnen. Die in Ziegers Text bis zum Überdruss wiederholten Sätze deuten hin auf solche Nutzlosigkeit.

Zurück zum fehlenden Gedanken: Solange er ausbleibt, sind viele banale Einfälle, ein „potpourri” fauler Ideen, zu verwerfen. Das Online-Wörterbuch Leo2 kennt für das Partizip pourri die Übersetzungen verfault, vergammelt, verdorben. Der „verschimmelte topf” als Ausweis subtiler Sprachkenntnis ist ein winziger Hinweis auf Ziegers Lebenslauf, die Erfahrung der Melancholie scheint ihm nicht fremd zu sein. Geboren ist er in der DDR. „In den Jahren der deutschen Wiedervereinigung gilt Ulrich Zieger als einer der faszinierendsten Akteure der Prenzlauer-Berg-Szene”, so die Website Lyrik-line3. Aber schon bald „zieht sich der literarische Einzelgänger ins französische Montpellier zurück"4, wo er bis zu seinem Tode lebt und Theaterstücke, Romane, Übersetzungen und Lyrik verfasst.

Gottfried Keller hatte eine andere Sicht auf Dürers Meisterstich. Er sieht die Melancholie als notwendiges Durchgangsstadium auf dem Weg zur schöpferischen Gestaltung. Sein Gedicht Melancholie beginnt „Sei mir gegrüßt, Melancholie” und endet mit den Zeilen:

Noch fühl ich dich so edel nicht,
Wie Albrecht Dürer dich geschaut:
Ein sinnend Weib, von innerm Licht
Erhellt, des Fleißes schönste Braut,
Umgeben reich von aller Werke Zeichen,
Mit milder Trauer angetan;
Sie sinnt – der Dämon muß entweichen
Vor des Vollbringens reifem Plan.

Trivia: anno domini und Albrecht Dürer haben dieselben Initialen.

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1 Website der Kunsthalle Karlsruhe (18.8.2021)
2 s. Leo.org (19.8.2021)
3 s. Lyrik–line (19.8.2021)
4 a. a. O.
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