Lieblingsgedichte

Des Knaben Wunderhorn (1808)

Das bucklige Männlein

Will ich in mein Gärtlein gehn,
Will mein Zwiebeln giessen,
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu nießen.
Will ich in mein Küchel gehn,
Will mein Süpplein kochen,
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hat mein Töpflein brochen.
Will ich in mein Stüblein gehn,
Will mein Müßlein essen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hats schon halber gessen.
Will ich auf mein Boden gehn,
Will mein Hölzlein holen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hat mirs halber g'stohlen.
Will ich in mein Keller gehn,
Will mein Weinlein zapfen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Thut mir'n Krug wegschnappen.
Setz ich mich ans Rädlein hin,
Will mein Fädlein drehen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Läßt mirs Rad nicht gehen.
Geh ich in mein Kämmerlein,
Will mein Bettlein machen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu lachen.
Wenn ich an mein Bänklein knie,
Will ein bislein beten;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu reden.
Liebes Kindlein, ach ich bitt,
Bet' für's bucklicht Männlein mit!

Ein Kinderlied – zumindest in der Form, die Clemens Brentano ihm gegeben hat. Das Goethezeitportal1 kennt eine Reihe von Vorgängerversionen, in denen das nicht der Fall ist. Ein schwäbisches Volkslied beschreibt das „buckelig Mändle” als lästigen und unwillkommenen Freier: „Und was i thue r ist älles nit recht, / Den kann i nit begehra.” Johann Wolfgang von Goethe hat im Elsass ein Lied aufgeschnappt, darin wird das „bucklich Männel” als Ehemann geschätzt: „Hab ein bucklich Männel g'nomme, / Hat mir s Gott erschaffe.”

Überhaupt fällt es schwer, bei der Vielzahl häuslicher Tätigkeiten – „Süpplein kochen”, „Weinlein zapfen”(!), „Fädlein drehen” – an ein kleines Kind zu denken. Die übertrieben vielen Diminutive – „Gärtlein”, „Töpflein”, „Süpplein”, „Müßlein” etc. – machen zusätzlich misstrauisch. Der von Brentano hinzugefügte Schluss „Liebes Kindlein, …” erscheint unlogisch: Wie kann das Männlein Fürbitte erwarten, wenn es immer nur im Weg steht und alles kaputt macht?

Man könnte das als eine pädagogische Belehrung verstehen: Seht her, auch solche Rumpelstilzchen sind im Grunde ganz arme Schlucker; sie geben sich impertinent, aber im Grunde lechzen sie nach Beachtung, Erlösung. Für Kinder mag die Deutung nachvollziehbar sein, die Wirksamkeit solch guter Ratschläge darf gleichwohl bezweifelt werden.

bucklicht Männlein
Source (3.8.2021)

Die Vermutung ist naheliegend, das Gedicht tut nur so, als ob von einem kleinen Kind die Rede ist, in Wirklichkeit spricht es über eine heiratsfähige Jungfer. Sie wird von einem hart­näckigen, aber unerwünschten, sogar unpassenden Verehrer verfolgt, der sich nicht anders zu helfen weiß, als durch Belästigungen auf sich aufmerksam zu machen, aber eigentlich nur um Zuwendung bettelt. Erfolglos, muss man annehmen, denn von einer Reaktion ihrerseits ist im Text nichts zu finden. In einem Münchner Bilderbogen2 zu dem Gedicht sieht das Mädchen recht erwachsen aus und überragt das „bucklichte Männlein” um zwei Haupteslängen; der Zeichner Eduard Ille hat das wohl ähnlich gesehen

Die Verfremdung ist nicht ungewöhnlich. Es gibt viele Kinderlieder, die Erfahrungen des Erwachsenenlebens in die Kinderwelt transponieren, man denke an „Backe, backe Kuchen”, „Brüderlein, komm tanz mit mir”, „Hoppe, hoppe, Reiter”, „Wer will fleißige Handwerker sehn”, „Zeigt her eure Füße” oder den Gassenhauer „Als ich noch zur Knicker-Knacker-Bürgerschule ging”. Sie haben eine doppelte Wirkung: Sie binden Kinder ein in die Erwachsenenwelt, und sie relativieren für die Erwachsenen durch die Kindersicht die Großartigkeit ihrer Erlebnisse und Verrichtungen.

Von 1805 bis 1809 veröffentlichten Clemens Brentano und Achim von Arnim eine Sammlung von (angeblichen) Volksliedtexten. Mit dem Titel Des Knaben Wunderhorn umrissen sie ihr Vorhaben, ein Füllhorn voller Wunder zu schaffen für große und kleine Kinder. Dabei hielten sie sich nicht sklavisch an das vorgefundene Material, sondern bearbeiteten es, fügten hinzu, ließen weg, veränderten, schmuggelten auch wohl eigene Dichtungen hinein. Gleichwohl entstand wirklich eine wunderbare Sammlung, die nur nicht als wissenschaftliche Dokumentation missverstanden werden darf. Auch die Brüder Grimm haben bei ihrer Märchensammlung glättend und deutend eingegriffen. Es ist müßig, das Vorgehen zu tadeln, ist doch in beiden Fällen etwas herausgekommen, das schließlich zum Volksgut geworden ist.

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1 Goethezeitportal (31.7.2021)
2 a. a. O.
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