Lieblingsgedichte

Oswald von Wolkenstein (1377? – 1445)

Es fũegt sich

I
Es fũegt sich, dô ich was von zehen jâren alt,
ich wolt besehen, wie die werlt wer gestalt;
mit ellend, armüt mangen winckel, hais und kalt,
hab ich gepaut bey cristen, kriechen, haiden.
Drey pfenning in dem pewtel und ain stücklîn prôt,
Das was von haim mein zerung, dô ich lieff in nôt,
von frõmden freunden sô hab ich mangen tropfen rôt
gelâssen seyder, das ich wandt verschaiden.
Ich lieff ze fuess
mit swerer puess,
bis das mir starb
mein vatter, zwâr
wol vierzên jâr
nye ros erwarb,
wann ains roupt, stal
ich halbs zů mal
mit valber varb,
ů und des geleich schied ich da von mit laide.
Zwar renner, koch
so bas ich doch
und marstaller,
auch an dem rueder
zoch ich zů mir, das was swer,
in kandiâ
und anderswâ,
auch biderhâr,
vil mangen kytel was mein pestes klaide.
VII
Ich hân gelebt wol vierzigk jâr, leicht mynder zway
mit toben, wüeten, tichten, singen mangerlai;
es wer wol zeit, das ich meins aigen kindes geschray
êlichen hoert in ainer wiegen gellen.
Sô kan ich der vergessen ymmer ewigklîch,
die mir hât geben můt uff disem erterîch;
in aller werlt kund ich nicht finden iren gelîch,
auch furcht ich sêr êlicher weibe pellen.
In urtail, rât
vil weiser hât
geschetzet mich,
dem ich gevallen
hân mit schallen
liederlîch.
Ich wolkenstain,
leb sicher klain
vern ˜ũnftigklîch,
das ich der werlt alsô lang begynn zu hellen;
Und wol bekenn,
ich wais nicht wenn
ich sterben sol,
das mir nit scheiner
volgt wann meiner
werche zol.
hêt ich dann got
zu seim gebot
gedienet wol,
sô võrcht ich klain dort haisser flamme wellen.

In heutigem Deutsch:

Strophe 1:
Es ergab sich, als ich zehn Jahre alt war, / dass ich mir ansehn wollte, wie es in der Welt zugeht. / In Elend und Armut, in mancher heißen oder kalten Ecke / hab ich gehaust bei Christen, Griechen, Heiden. / Drei Pfennig im Beutel und ein Stückchen Brot / waren meine Wegzehrung von daheim, als ich in die Not (der Welt) davonlief. / Durch fremde Gefährten hab ich manchen Tropfen Blut / seither vergossen, so dass ich schon glaubte, sterben zu müssen. / Zu Fuß lief ich wie ein büßender Sünder, bis mir starb / mein Vater. Wohl vierzehn Jahre hab ich kein Pferd besessen, / außer einem, das ich geraubt, gestohlen, ein Maultier, ein ausgesprochen unansehnliches, / das ich zu meinem Leidwesen bald wieder verlor. /Wahrlich Laufbursche, Küchenjunge und Pferdeknecht bin ich gewesen, / auch das Ruder hab ich gezogen – das war eine Quälerei! – / bis Kandia (= Kreta) und anderswo und wieder zurück. / Oft waren Kittel meine besten Kleider.

Strophe 7:
Ich habe jetzt fast vierzig Jahr – zwei fehlen noch – gelebt, / getobt, gewütet, gedichtet und mancherlei gesungen. / Es wäre wohl an der Zeit, dass ich (heiratete und) meines eigenen ehelichen Kindes Stimme / aus derWiege tönen hörte. / Aber ich kann auf ewig die nicht vergessen, / die mir auf dieser Erde Lebensmut einflößte; / auf der ganzen Welt kann ich keine ebensolche finden, / auch fürchte ich der Eheweiber Gezeter. / Im Urteil und Rat Verständiger wurde ich hochgeschätzt, / denen ich gefiel mit meiner Lieder Klang. / Ich, Wolkenstein, lebe sicher wenig vernünftig, / als dass ich der Welt voran leuchten könnte. / Und ich bekenne gern, ich weiß nicht, wenn ich dereinst sterbe, / was sonst von mir sichtbar nachbleibt als der Beifall für meineWerke. / Hab ich dann Gottes Gebot sorgsam gedient, / so fürchte ich dort (im Jenseits) wenig der heißen Flamme Lodern.

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