Lieblingsgedichte

Walter von der Vogelweide (1170? – 1230?)

Elegie (I)

Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr!
ist mir mîn leben getroumet oder ist ez wâr?
daz ich ie wânde daz iht waere, was daz iht?
dar nâch hân ich geslâfen unde enweiz es niht.
nû bin ich erwachet und ist mir unbekant
daz mir hie vor was kündic als mîn ander hant.
liut unde lant, dâ ich von kinde bin erzogen,
die sint mir fremde worden, reht' als ez sî gelogen.
die mîne gespilen wâren die sint traege und alt;
bereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt:
wan daz daz wazzer fliuzet als ez wîlent flôz.
für wâr ich wânde, mîn unglücke wurde grôz.
mich grüezet maneger trâge der mich bekande ê wol.
diu werlt ist allenthalben ungenâden vol:
als ich gedenke an manegen vil wünneclîchen tac,
die sint mir gar enpfallen gar als in daz mer ein slac,
iemer mêre ouwê.

In heutigem Deutsch:

O weh, wahrhaftig sind dahingegangen alle meine Jahre!
Hab ich mein Leben geträumt oder ist es Wirklichkeit?
Wovon ich wähnte, es sei echt (= real), war das echt?
Demnach hätte ich geschlafen und es nicht gemerkt.
Nun bin ich aufgewacht und mir erscheint fremd,
was mir vorher vertraut war wie meine linke Hand.
Leute und Land, mit denen ich aufgewachsen bin,
sind mir fremd geworden, als wären sie nur eine Vorspiegelung.
Die meine Spielgefährten waren, sind träge und alt geworden;
der Acker wird bestellt, wo der Wald (einst stand und jetzt) abgeholzt ist:
Wenn doch (wenigstens) das Wasser noch flösse, wie es weiland floss.
Fürwahr ich fühle mich todunglücklich.
Manch einer grüßt mich nur widerwillig, mit dem ich gut bekannt war.
Die Welt ist allenthalben voller Ablehnung:
wenn ich mir manchen glücklichen Tag in Erinnerung rufen möchte,
ist er mir entfallen, so als wär’s wie ein Schlag ins Wasser.
Immer mehr o weh.

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