Lieblingsgedichte

Jakob van Hoddis (1887 – 1942)

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Um ein Haar wäre ich ihm auf den Leim gegangen. Es schien so stimmig, dem 1910/11 entstandenen Gedicht die Ahnung von kommendem Unheil zuzumessen, es schien sogar einleuchtend, dass dort, wo die Worte für das Schreckliche fehlen, Schnoddrigkeit herhalten müsse. Aber irgendetwas stimmt nicht. Was bloß?

Da ist der kunstlose, leiernde Bänkelsängerton, da ist die Diskrepanz zwischen der pathetischen Überschrift und den flapsigen Gedichtzeilen, da ist die zwanghafte Verquickung des Banalen mit dem Katastrophalen, da ist die unangemessene Wortwahl, Dachdecker gehn entzwei, Meere hupfen (um des Reimes willen?). Da ist dieses distanzierende liest man im Sinne von Papier ist geduldig. Dazwischen wabert ein pathetischer Stabreim dicke Dämme zu zerdrücken. Das passt alles vorne und hinten nicht.

Thomas Schmid1 bemerkt dazu: „Die Flut steigt, die Meere hupfen, Dachdecker stürzen ab, Eisenbahnen fallen von den Brücken. Da entsteht eine Puppenwelt, ein hüstelnder Zynismus macht sich breit. Es ist keine Katastrophe, was da geschieht, es ist ein absurdes Theater, wie aus der Kinderstube inszeniert von einem Knaben, der böse sein will. Am Ende aber passiert eigentlich gar nichts, jedes neue Bild ist das Dementi des vorherigen. Fast etwas Wohliges geht von dem Gedicht aus.”

1910 erschien der Halleysche Komet und versetzte viele Menschen in Angst und Schrecken. Kometen wurden ja schon immer als Unheilsboten angesehen. Es entstand eine Hysterie, gefördert auch durch den Nachweis giftiger Gase im Kometenschweif. Diese Hysterie der um ihre Sicherheit besorgten Bürger nimmt das Gedicht lustvoll aufs Korn, indem es all die tatsächlichen oder eingebildeten Vorzeichen herbetet. Dagmar Lorenz2: „[…] es handelte sich hier gar nicht um etwas Apokalyptisches im Hinblick auf eine Vorahnung des Krieges, sondern: Hoddis hat dieses Gedicht entwickelt aus einem Zeitungsbericht im Berliner Tageblatt, und da ging es um Sturmschäden und um Eisenbahnunglücke.” Es ist eine Kabarett-Nummer, ironisch, zynisch, sarkastisch, nicht ganz ernst, aber auch nicht nur lustig. Tatsächlich veranstaltete van Hoddis ab 1910 unter dem Namen Neopathetisches Cabaret literarische Abende in den Hackeschen Höfen. All die aufgezählten Dinge, so das Gedicht, gibt es immer wieder, aber das eine wie das andere besagt am Ende gar nichts.

Man hätte es gleich wissen können, leider ist die Bezeichnung Spitzkopf für eine spitzfindige Person heute nicht mehr geläufig. Im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm3 wird eine solche charakterisiert als „arglistige, spitzfindige person [...], spitzfindiger mensch [...], kluger, überkluger, verschlagener, schlaukopf”, kurz als Haarspalter, als jemand, der alles bis auf’s i-Tüpfelchen zuspitzt, als Besserwisser und, nun ja, Klugscheißer.

Trotzdem oder gerade deswegen, das Gedicht traf bei vielen das Zeitgefühl: Ein bisschen Endzeitstimmung, ein bisschen Zynismus, ein bisschen Nach-uns-die-Sintflut, ein bisschen Es-ist-noch-immer-gut-gegangen, ein bisschen Alles-halb-so-wild, ein bisschen Pfeifen-im-Wald, heute würde man noch hinzufügen: ein bisschen Hach-wie-cool-wir-doch-sind.

Was uns Spätere daran zu faszinieren vermag: Das Gedicht versucht verzweifelt, sich selbst ins Unrecht zu setzen und hat doch, entgegen seiner Intention, Recht behalten, die Satire blieb ihm wahrhaftig im Halse stecken. – – – Allerdings war es nicht der Komet, der die Welt bedrohte.

Van Hoddis (Anagramm seines Geburtsnamens Davidsohn) versank in den kommenden Jahren immer tiefer in eine Psychose. 1942 wurde er im KZ Sobibor ermordet.

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1 Thomas Schmid (9.5.2020)
2 Dagmar Lorenz S. 7 (9.5.2020)
3 Grimm, Jacob und Grimm,Wilhelm, Deutsches Wörterbuch, , im Internet verfügbar unter Deutsches Wörterbuch, Bd. 16, Sp. 2367, Absatz 2)b (9.5.2020)
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