Lieblingsgedichte

Ludwig Uhland (1787 – 1862)

Neujahrswunsch 1817

Wer redlich hält zu seinem Volke,
Der wünsch' ihm ein gesegnet Jahr!
Vor Mißwachs, Frost und Hagelwolke
Behüt' uns aller Engel Schar!
Und mit dem bang ersehnten Korne,
Und mit dem lang entbehrten Wein,
Bring' uns dies Jahr in seinem Horne
Das alte, gute Recht herein!
Man kann in Wünschen sich vergessen,
Man wünschet leicht zum Überfluß,
Wir aber wünschen nicht vermessen,
Wir wünschen, was man wünschen muß.
Denn soll der Mensch im Leibe leben,
So brauchet er sein täglich Brot,
Und soll er sich zum Geist erheben,
So ist ihm seine Freiheit not.
(Das Horn in Zeile 7 ist das Füllhorn, jener trichterförmige Erntekorb, der alle guten Gaben birgt.)

1816 war ein schlimmes Jahr, das „Jahr ohne Sommer” oder „Achtzehn­hundert­underfroren” 1. Kraftloses Tageslicht, extreme Kälte, hier Dürre, da Über­schwemmungen, die Ernte verdorben, das Vieh krepiert, viele Menschen verhungert, und die Ursache: Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien, der größte bekannte Vulkanausbruch in historischer Zeit. Über siebzigtausend Menschen starben auf Lombok und Sumbawa. Asche- und Aerosolwolken zogen um den ganzen Globus, verdunkelten die Sonne und vergifteten den Regen. Aber dieser Auslöser war hierzulande nicht bekannt, und selbst als spärliche Nachrichten davon her gelangten, kam niemand auf die Idee, das Elend hier und die Katastrophe dort miteinander zu verknüpfen.

Das war das Eine.

Zum Andern: Friedrich I, König von Württemberg, damals noch Herzog, hatte „1806 die alte landständische Verfassung, die auf der Mitwirkung von Bürgertum und Kirche an der Landespolitik beruhte, außer Kraft gesetzt” 2. 1815 berief er eine Ständeversammlung ein, die eine neue Verfassung erarbeiten sollte. „Nun kam es zu einem jahrelangen Ringen um die Bestimmungen dieses württembergischen Grundgesetzes, da die Abgeordneten an den alten Regeln festhalten wollten. In dieser erbitterten Auseinandersetzung wurde Ludwig Uhland am 26. Juli 1815 führender Sprecher der Landstände” 3. Die Wahrung des „Alten Rechts” war ihm ein Herzensanliegen, für das er mit aller Kraft, auch mit zündenden Gedichten, kämpfte, z. B. so:

Wo je bei altem, gutem Wein
Der Württemberger zecht,
Da soll der erste Trinkspruch sein:
Das alte, gute Recht!

Oder als Gebet:

Zu unsrem König, deinem Knecht,
Kann nicht des Volkes Stimme kommen;
Hätt' er sie, wie er will, vernommen,
Wir hätten längst das teure Recht.

Oder zum zweiten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig:

Die Schlacht der Völker ward
     geschlagen,
Der Fremde wich von deutscher Flur,
Doch die befreiten Lande tragen
Noch manches vor'gen Dranges Spur;
Und wie man aus versunknen Städten
Erhabne Götterbilder gräbt,
So ist manch heilig Recht zu retten,
Das unter wüsten Trümmern lebt.

Der Deutsche ehrt' in allen Zeiten
Der Fürsten heiligen Beruf,
Doch liebt er, frei einherzuschreiten
Und aufrecht, wie ihn Gott erschuf.

Uhland, geboren 1787 zwischen Clemens Brentano (1778) und Joseph von Eichendorff (1788), war kein Romantiker, der Überschwang der Seele, die Sehnsucht nach der blauen Blume blieb ihm fremd. Sein Leiden ist ein Mit-Leiden. Aber dieses Mit-Leiden klagt nicht, es sucht Abhilfe. Nur seine Wünsche lassen erahnen, wie schlimm es um die Gegenwart bestellt sein muss. Seine Sprache ist frei von Pathos und Sentimentalität, und er verbirgt sich nicht in gesuchten Bildern und rätselhaften Wendungen.

Seine aufrechte Haltung hat ihn immer wieder in die Volksvertretung gebracht, ohne sein Zutun, ohne Bewerbung, ohne Wahlkampf. So 1830 in den Württem­bergischen Landtag, 1848 in die Deutsche Nationalversammlung. Immer kämpfte er für das Recht und die Freiheit und stand damit meist auf der Seite der Minderheit.

Sein Neujahrswunsch hat sich im übrigen nicht erfüllt, die Nachwirkungen des Vulkanausbruchs waren auch 1817 noch zu spüren, und die Beratungen über die württembergische Verfassung wurden erst 1819 mit einem Kompromiss abgeschlossen.

Nachklapp: 1816 hatten sich Lord Byron, Percy Bysshe Shelley und dessen zukünftige Frau, die 19jähige Mary Godwin, sowie einige andere in die Schweiz zurückgezogen, um dem Elend dieses schlimmen Jahres zu entfliehen. Sich die Zeit zu vertreiben, kamen sie überein, Schauergeschichten zu erfinden, dabei entstand Mary Shelleys Roman Frankenstein oder der moderne Prometheus.

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1 Artikel Jahr ohne Sommer in Wikipedia (21.4.2021)
1 Artikel Ludwig Uhland in Wikipedia (21.4.2021)
3 a. a. O.
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