Lieblingsgedichte

Georg Trakl (1887 – 1914)

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet,
Und das Haus ist wohlbestellt.
Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.
Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein

Es fängt so harmlos an, als erwarte uns eine Winter-Idylle. Doch schon in der zweiten Zeile irritiert, dass das Abendläuten sich unnötig in die Länge zieht. Was soll das? Schnell werden wir wieder beruhigt und die heile Welt baut sich vor uns auf. Aber wer sind die vielen, die zum Essen erwartet werden? Ein großer Hausstand? Zahlreiche Gäste? Nur komisch, dass bislang kein Mensch zu sehen ist. Gleichviel, das Haus ist wohlbestellt – ein Sinnbild satter Bürgerlichkeit.

Dann kommt einer, vielleicht auch zwei, offenbar von weither hat er sich hergequält, hat das Haus nicht leicht gefunden, scheint unterwegs in die Irre gegangen zu sein. Beim Näherkommen erblickt er einen Baum mit Goldflitter und glänzenden Lichtern. Weihnachten! Aber warum sagt der Dichter das erst jetzt? Und der Baum steht noch im Saft der Erde? Er ist doch im Wald geschlagen und so heran geschafft worden. Allerdings ist er wintergrün, also doch noch im Saft, wie sich das für eine Tanne gehört. Es scheint da eine geheime Verbindung zu geben zwischen der kühlen Erde und den dunklen Pfaden, Tanne und Wanderer, Brüder im Geiste sozusagen, entwurzelt beide, aber vereint im Schmerz.

Niemand da, aber die Tür unverschlossen, wirklich ein gastliches Haus. Leise tritt er ein, trägt seine ganze Lebensgeschichte, all seine Enttäuschungen, all seine Verfehlungen, all seine Verluste, all seinen Schmerz über die Schwelle. Da geschieht Wunderbares: Das Überschreiten der Schwelle versteinert den Schmerz; dieser brennt nicht mehr, er lastet nur noch. Lindernd ist er einkapselt wie das spitzige Sandkorn in der Muschelperle. Eine Art Absolution. Mühselig und beladen ist der Fremde hergekommen, hier erwartet ihn Erquickung, Brot und Wein, das Abendmahl. Jetzt geht uns auf, das Haus ist eine Kirche, nicht irgendein abgelegenes Dorfkirchlein, sondern Kirche als geistiger Raum des Trostes, dem außer gewissen Symbolen – Fenster, Glockenläuten, (Altar-)Tisch, Weihnacht, Abendmahl – alle fassbaren Einzelheiten abgehen. Dieser geistige Raum nimmt den verirrten Wanderer auf und versöhnt ihn mit sich selber. Der verlorene Sohn ist heimgekehrt.

Das mag Trakl als Wunschbild vorgeschwebt haben, der sich nach einer katholischen Erziehung in Verzweiflung, Depression und Drogen verstrickte und dem vor seinem frühen Tod eine solche Heimkehr versagt blieb.

≡ Navigation
 
↑ Seitenanfang