Lieblingsgedichte

Theodor Storm (1817 – 1888)

Abseits

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.
Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut –
Die Luft ist voller Lerchenlaut.
Ein halbverfallen niedrig Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen;
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
Behaglich blinzelnd nach den Bienen;
Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.
Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
– Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

Stille am Anfang, Stille am Ende, und auch dazwischen allenfalls das Summen der Bienen, das Trillern der Lerchen oder der Schlag der fernen Kirchturmuhr. Menschenn treten auf, aber kein Wort wird gesprochen. Es bedarf dessen nicht.

Es ist ein warmer Sommertag. Dass es in der norddeutschen Heide in Herbst und Winter auch ungemütlich werden kann mit Regen, Nebel und Wind, bleibt ausgespart. Nur die Hünengräber erinnern daran, dass die Idylle nicht immer schon war und nicht immer so bleiben wird.

Diese Idylle wird schnörkellos dargestellt in kurzen, vierhebigen Versen, in lauter Hauptsätzen, mit der einen Ausnahme behaglich blinzelnd …. Die Hauptsätze folgen unverbunden aufeinander und stehen doch in einem inneren Zusammenhang. Die Kürze der Zeilen wird dadurch ausgeglichen, dass sich viele Hauptsätze über zwei Zeilen erstrecken, in der zweiten Zeile aber auch ihren Abschluss erreichen. Das gibt dem Ganzen ein einheitliches Gepräge, eine Anmutung von Dauer und Verlässlichkeit.

Zuerst wird die unbewegliche Landschaft gemalt. Die Verwendung von Farben, rosenrot, blau, später noch golden, unterstreicht den Charakter eines Gemäldes. Dann kommen Details in den Blick und mit den Details Bewegung, Käfer hasten, Bienen sammeln Honig, Vögel schwirren. Schließlich treten Menschen auf, aber so behutsam, dass sie die Natur nicht stören. Im Gegenteil, sie fühlen sich in dieser Natur so geborgen und aufgehoben, dass sie selbstvergessen spielen können und sich sogar zu schlafen getrauen.

Storm kannte auch die andere Welt, den Lärm und die Betriebsamkeit der Stadt, die Industrie, die sich immer weiter in die Landschaft frisst. Er wusste um die Verletzlichkeit der Heide-Idylle, deshalb nahm er sich ihrer so liebevoll an. Während das Gedicht bis dahin im Präsens daher kommt, wechselt er im letzen Verspaar plötzlich ins Praeteritum: Kein Klang der aufgeregten Zeit / Drang noch in diese Einsamkeit. Da hängt ein drohendes „Bis jetzt!” unausgesprochen über dem Ganzen.

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