Lieblingsgedichte

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg (1750 – 1819)

Die Leiter

Auf der Erde stehet die Leiter derWeisheit, und reichet
An den Himmel; wir sehn wenige Sprossen von ihr.
Mühsam klimmt der Gelehrte hinan, und purzelt und klimmet
Wieder hinan; und was hat der Gelehrte gesehn?
Unten schlummert der Dichter auf Moos, wie der Hirte von
      Kanan;
Und es steigen zu ihm Söhne des Himmels herab.

Die Überheblichkeit des Dichters: Er stehe der Weisheit näher als alle, selbst als diejenigen, die diese durch Konzentration und Versenkung zu erlangen trachten – so klar wie in Stolbergs drei Distichen wird dieser genialische Anspruch selten geltend gemacht. Mit Jakobs Traum von der Himmelsleiter, auf der die Engel auf- und absteigen, wird derselbe sogar spirituell untermauert. Dem Dichter wird dabei nicht entgangen sein, dass Jakob zuvor dem Esau sein Erstgeburtsrecht auf wenig anständige Weise entriss.

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg war ein umtriebiger Diplomat und Schriftsteller, bekannt und teilweise befreundet mit allen Größen seiner Zeit. 1775 reiste er mit Goethe in die Schweiz. Die letzten Jahre seines Lebens in verbrachte er in Münster sowie auf Schloss Tatenhausen bei Halle in Westfalen und auf Gut Sondermühlen bei Melle.

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