Lieblingsgedichte

Ernst Stadler (1883 – 1914)

Der Spruch

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild
verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

Stadler macht es spannend, „In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort”, welches Buch? welches Wort? Er erhöht die Spannung durch einen endlos langen Konditionalsatz.

Das funktioniert immer, Goethe hat es im Werther vorgemacht: „Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht ... (etc. etc.)” 1; Hölderlin hat es im Hyperion vorgemacht: „Und wenn ich oft dalag unter den Blumen und am zärtlichen Frühlingslichte mich sonnte, und hinaufsah ins heitre Blau, das die warme Erde umfing ... (etc. etc.)” 2; Novalis hat es vorgemacht: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / sind Schlüssel aller Kreaturen ... (etc, etc.)” 3; ich habe es bei Eichs Gedicht Wo ich wohne benutzt. Es ist ein Selbstläufer, rattert aber auch etwas maschinenmäßig dahin.

Das Mechanisch-Eintönige wird verstärkt durch die Jamben mit ihrem langweiligen Wechsel von betonten und unbetonten Silben, auch wenn die Zahl der Hebungen pro Zeile variiert. Einmal nur wird das starre Schema durchbrochen, wenn in der vierten Zeile die erste Silbe betont zu lesen ist. Dort scheint also Wesentliches zur Sprache zu kommen, „Schein, Lug und Trug” als Gegensatz zum „Wesen”, das wir hier aber noch nicht recht erkennen können.

Stadler reflektiert seine Tätigkeit als Dichter. Der Dichter soll mehr sein als ein Wortakrobat, es genügt nicht, „wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge”. Die sechste Zeile mit ihren zehn Hebungen ist überlang, hier erreicht das Gedicht seinen Kulminationspunkt: Das Dunkle bleibt dunkel immerdar, das Leben ist für griffige Formulierungen unzugänglich, „verschlossen”. Worte nachzuplappern, „deren Weite nie ich ausgefühlt”, ist sinnlos.

Am Ende die Auflösung des Rätsels, „Mensch, werde wesentlich!” lautet die Mahnung. Worin dies Wesentliche bestehen soll, wird nicht ausgeführt; wir müssen es aus dem, was er zurückweist, erschließen. Nur was ihn selbst „aufgewühlt” hat, nicht „Traum”, nur „Wirklichkeit”, nur was die „Welt” und das „Ich” innerlich bewegt, ist es wert, gestaltet zu werden. Das klingt erst einmal reichlich abstrakt, Stadler gibt uns aber mit dem Gedicht ein Beispiel. Die große Form ignoriert er, nicht der Glanz kunstvoller Verse soll Eindruck machen. Stattdessen schlichte Jamben, Zeilenlängen, wie sie sich gerade so ergeben, Reime nur, um das Ganze zusammen zu halten; ohne der äußeren Form viel Bedeutung beizumessen, konzentriert er sich rein auf die Erleuchtung, die der zufällig gefundene Spruch in ihm ausgelöst hat, das ist ihm „wesentlich”.

Das Gedicht erschien 1914 in der Sammlung Der Aufbruch. Stadler blieb keine Zeit mehr, die gewonnene Einsicht fruchtbar werden zu lassen, er fiel im selben Jahr bei Ypern.

Bleibt zum Schluss die Frage nach dem „alten Buch”, in dem er den Spruch gefunden hat. Es ist der Cherubinische Wandersmann des Angelus Silesius (1624 – 1677). Der Spruch lautet vollständig:

Mensch, werde wesentlich! Denn wenn die Welt vergeht,
so fällt der Zufall weg: das Wesen, das besteht!
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1 Im Projekt Gutenberg (16.10.2021)
„Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! Wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten – ”
2 Im Projekt Gutenberg (16.10.2021)
„Und wenn ich oft dalag unter den Blumen und am zärtlichen Frühlingslichte mich sonnte, und hinaufsah ins heitre Blau, das die warme Erde umfing, wenn ich unter den Ulmen und Weiden, im Schoße des Berges saß, nach einem erquickenden Regen, wenn die Zweige noch bebten von den Berührungen des Himmels, und über dem tröpfelnden Walde sich goldne Wolken bewegten, oder wenn der Abendstern voll friedlichen Geistes heraufkam mit den alten Jünglingen, den übrigen Helden des Himmels, und ich so sah, wie das Leben in ihnen in ewiger müheloser Ordnung durch den Aether sich fortbewegte, und die Ruhe der Welt mich umgab und erfreute, daß ich aufmerkte und lauschte, ohne zu wissen, wie mir geschah – ”
3 Im Projekt Gutenberg (16.10.2021)
„Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / sind Schlüssel aller Kreaturen, / wenn die, so singen oder küssen, / mehr als die Tiefgelehrten wissen, / wenn sich die Welt ins freie Leben / und in die Welt wird zurückbegeben, / wenn dann sich wieder Licht und Schatten / zu echter Klarheit werden gatten / und man in Märchen und Gedichten / erkennt die wahren Weltgeschichten, / dann fliegt vor Einem geheimen Wort / das ganze verkehrte Wesen fort.”
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