Lieblingsgedichte

William Shakespeare (1554 – 1616)

Sonett XVIII

(Eigene Übertragung)

Vergleich’ ich dich mit einem Sommertag,
der du doch lieblicher und sanfter bist?
Rau zaust der Wind des Maien Flor im Hag,
Und bald verfällt des Sommers kurze Frist.
Bald brennt des Himmels Auge allzu heiß,
Oft glimmt sein goldner Hauch verschleiert nur,
Das Schöne gibt die Schönheit einmal preis
Nach Laune oder Regel der Natur.
Doch soll dein ew’ger Sommer nie verwehn
Und vor verlorner Schönheit bleib gefeit,
In Todes Schatten sollst du niemals gehn,
Wenn du in ew’gen Versen trotzt der Zeit.
   Solange Menschen atmen, Augen glühn,
   lebt dies Gedicht und lässt dein Leben blühn.

Zu Hunderten von Übertragungen 1 noch eine weitere? Und das zu einem Sonett, zu dem schon alles und viel mehr gesagt ist? Jürgen Gutsch 2 notiert: „Woran liegt es, dass die Sonette so wichtig und Nr. 18 das bekannteste von allen wurde? Vielleicht ist es doch die poetologische Entschlossenheit, die grundsätzliche fast erzieherische Beschaffenheit all dieser Gedichte im Allgemeinen – und der Nr. 18 im Besonderen. In Sonett Nr 18. hat sich nach zwei Quartetten des Erwägens die nun plötzlich nicht mehr zweifelnde Seele durchgerungen und trifft eine klare Aussage zur wahren Rolle des Dichters.”

Das Rätselhafte ist stets faszinierend. Schon dass man nicht weiß, ob die Veröffentlichung vom Dichter überhaupt autorisiert war! (An das Problem der Urheberschaft wollen wir hier besser gar nicht rühren!) Und dass es bislang nicht gelungen ist, den Adressaten, den in der Widmung nur mit seinen Initialen genannten W. H., dingfest zu machen! Und schließlich die damals ungeheuerliche Tatsache, dass in den Liebessonetten ein Mann einen Mann anspricht! (Was in diesem Sonett aber nicht zum Ausdruck kommt.) Auch wenn die Grenzen des Schicklichen nicht überschritten werden, der Tabubruch bleibt.

„Vergleich’ ich dich mit einem Sommertag …?” Ja, das tut der Dichter, denn verglichen wird immer, wenn man schon fragt. Entweder sucht man die Übereinstimmungen oder die Unterschiede, das Gedicht konzentriert sich zunächst auf letztere: Raue Winde, glühende Hitze, wolkenverhangener Himmel, wie es wechselndes Wetter oder der Anbruch des Herbstes mit sich bringt. Bei Gerard Ledger 3 lesen wir dazu: „Der Sommertag wird in so vieler Hinsicht als fehlerhaft angesehen (zu kurz, zu heiß, zu rau, manchmal zu trübe), aber eigenartigerweise erhält man den Eindruck, dass der »liebliche Knabe« tatsächlich dem Sommertag in seiner besten, warmen, sonnigen, milden Erscheinung gleicht, als eine der entzückenden Maienknospen, und dass seine Schönheit durch diesen Vergleich wunderbar hervorgehoben wird.” (Eigene Übersetzung aus dem Englischen)

Ein neuer Gedanke tritt hinzu: Die Schönheit des Sommers muss irgendwann vergehen, und nicht nur seine Schönheit, sondern der Sommer selbst wird an ein Ende kommen. Gehört das immer noch zu den Unterschieden? Einerseits wird des Geliebten unvergängliche Schönheit beschworen, das zeigt andererseits, wie gefährdet sie dem Auge des Dichters erscheint.

„In (des) Todes Schatten sollst du niemals gehn” – am Ende wird nicht der physische Tod in Abrede gestellt, die Vergänglichkeit nicht länger geleugnet. Unsterblich wirst du sein auf andre Art, heißt es, nämlich wie dieses Gedicht und durch dieses Gedicht, ich mache dich unsterblich. Die zeitlose Gültigkeit dieser Verse wird dabei vorausgesetzt, mit beeindruckender Selbstgewissheit, aber das muss man einem Autor wie Shakespeare wohl zugestehen.

Shakespeares Kraft und Ungestüm sind in der Übertragung verloren gegangen. Schaun wir uns zum Schluß das englische Original an:

Shall I compare thee to a summer’s day?
Thou art more lovely and more temperate:
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer’s lease hath all too short a date:
Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimmed,
And every fair from fair sometime declines,
By chance, or nature’s changing course untrimmed:
But thy eternal summer shall not fade,
Nor lose possession of that fair thou ow’st,
Nor shall death brag thou wander’st in his shade,
When in eternal lines to time thou grow’st,
   So long as men can breathe, or eyes can see,
   So long lives this, and this gives life to thee.
______________________
1 Gutsch, Jürgen (Hrsg.), … lesen, wie krass schön du bist konkret, William Shakespeare, Sonett 18 vermittelt durch deutsche Übersetzer, Edition Signathur, Dozwil 2004, ISBN 978-390814128-0
2 a. a. O., S. 16
3 Shakespeare's Sonnets (13.8.2014)
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