Lieblingsgedichte

Christian Friedrich Daniel Schubart (1739 – 1791)

Die Forelle

In einem Bächlein helle,
Da schoß in froher Eil’
Die launige Forelle
Vorüber wie ein Pfeil.
Ich stand an dem Gestade,
Und sah in süßer Ruh’
Des muntern Fisches Bade
Im klaren Bächlein zu.
Ein Fischer mit der Ruthe
Wohl an dem Ufer stand,
Und sah’s mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht’ ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.
Doch plötzlich war dem Diebe
Die Zeit zu lang. Er macht
Das Bächlein tückisch trübe,
Und eh’ ich es gedacht,
So zuckte seine Ruthe,
Das Fischlein zappelt dran,
Und ich mit regem Blute
Sah die Betrogne an.
Die ihr an goldner Quelle
Der sichern Jugend weilt,
Denkt doch an die Forelle;
Seht ihr Gefahr, so eilt!
Meist fehlt ihr nur aus Mangel
Der Klugheit. Mädchen, seht
Verführer mit der Angel!
Sonst blutet ihr zu spät.

Schubart gehörte zu den unglückseligen Naturen, die überall anecken. Walter Laufenberg1 charakterisiert ihn wie folgt: „So viele Vornamen, wie er hatte, so viele Talente hatte er. Was schön und schlimm zugleich sein kann. Ob er sich als Dichter oder als Journalist oder als Musiker an seine Zeitgenossen wandte, man hörte ihm gern zu. Weil er so innig gefühlvoll und so rotzfrech war, so überschwenglich begeistert wie freigeistig. Ein Mann, der in kein Kostüm passte, der immer und überall aus der Rolle fiel.”

Schon als Pennäler in Nürnberg wäre er, wegen seiner unverhohlenen Begeisterung für den aufgeklärten Preußenkönig Friedrich den Großen, um ein Haar von einem empörten österreichischen Soldaten abgestochen worden.

Er wurde Organist in Ludwigsburg, musste es aber wegen seines ausschweifenden Lebenswandels bald wieder verlassen. Er gab in Augsburg die Deutsche Chronik heraus, machte sich aber mit seiner Verachtung der Fürstenwillkür und seiner Begeisterung für den amerikanischen Unabhängigkeitskampf auch hier unbeliebt. Er musste auch Augsburg meiden, setzte seine Arbeit in Ulm fort und verärgerte durch seine satirischen Ausfälle besonders den Fürsten Carl Eugen von Württemberg, der später auch Schiller das Leben schwer machte.

Nun liegt Ulm ja nicht in Württemberg, aber Carl Eugen ließ ihn durch einen Lockvogel auf württembergisches Gebiet ziehen, dort wurde er verhaftet und für zehn Jahre auf dem Hohenasperg festgesetzt. Vier Jahre durfte er nicht schreiben, nach acht Jahren konnten ihn Frau und Kinder das erste Mal besuchen.

Während dieser Festungszeit entstand das Gedicht Die Forelle. Was so leicht als fröhliches Lied mit moralischer Belehrung aufgefasst wird, ist in Wahrheit eine bittere Klage. Schubart vergleicht seine eigene Situation mit der einer Forelle: Fröhlich dahinschwimmend in ihrem Bächlein wird sie zum Opfer der List und Tücke des Anglers. Leichtfertigkeit mag dabei auch im Spiel gewesen sein.

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1 Laufenberg NETzine (11.5.2020)
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