Lieblingsgedichte

Friedrich Schiller (1759 – 1805)

Nänie

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter
      bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich;
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

Nänie kommt aus dem Lateinischen und heißt Totenklage. Der Fluss Styx trennt in der griechischen Mythologie das Reich der Lebenden von dem der Toten. Der stygische Zeus, der Herrscher im Totenreich, ist Hades.

Ein einziges Mal war Hades bereit, eine Tote aus der Unterwelt zu entlassen, als nämlich der Sänger Orpheus durch seine Lieder und durch das Spiel auf der Lyra ihn bewog, ihm seine Geliebte Euridyke zurück zu geben, dies allerdings unter der Bedingung, sie während der Rückkehr nicht anzuschaun. Orpheus konnte sich nicht beherrschen, brach die Bedingung und verlor Euridyke wieder, bevor er mit ihr das Reich der Lebenden erreichte.

Aphrodite, Göttin der Schönheit und der Liebe, Gattin des hinkenden Feuergottes Hephaistos, betrog diesen immer wieder, so mit dem Kriegsgott Ares und mit dem wunderschönen, aber sterblichen Jüngling Adonis. Der eifersüchtige Ares verwandelte sich daraufhin in einen wilden Eber und tötete seinen Nebenbuhler. Die dabei auf den Boden fallenden Blutstropfen verwandelte Aphrodithe in ihrer Trauer in Adonisröschen.

Der Held Achill war ein Sohn des Königs Peleus und der Nymphe Thetis, der schönsten unter den fünfzig Töchtern des Meeresgottes Nereus. Achill war beinahe unverwundbar, weil seine Mutter ihn nach der Geburt im Fluss Styx badete. Einzig die Ferse, an der sie ihn dabei festhielt, wurde nicht eingetaucht und blieb ungeschützt. Er kämpfte mitsamt den Griechen vor Troja. Als er versuchte, mit seinen Kampfgenossen das skäische Tor zu erstürmen, tötete ihn Paris (der ja an dem ganzen Kuddelmuddel schuld war), indem er ihm mit Hilfe des Gottes Apoll einen vergifteten Pfeil in die verwundbare Ferse schoss – wie es Achills unsterbliches, der Rede mächtiges Ross Xanthos geweissagt hatte.

Das Eingreifen Apolls war in unsern Augen hinterlistig und gemein, aber im Gedicht meint gemein (in der letzten Zeile) nicht niederträchtig, sondern einfach nur gewöhnlich, alltäglich, unscheinbar, ungeliebt.

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