Lieblingsgedichte

Viktor von Scheffel (1826 – 1886)

Wanderlied

Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
Wer lange sitzt, muß rosten;
Den allersonnigsten Sonnenschein
Läßt uns der Himmel kosten.
Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid
Der fahrenden Scholaren,
Ich will zu guter Sommerzeit
Ins Land der Franken fahren!
Der Wald steht grün, die Jagd geht gut,
Schwer ist das Korn geraten;
Sie können auf des Maines Flut
Die Schiffe kaum verladen.
Bald hebt sich auch das Herbsten an,
Die Kelter harrt des Weines;
Der Winzer Schutzherr Kilian
Beschert uns etwas Feines.
Wallfahrer ziehen durch das Tal
Mit fliegenden Standarten,
Hell grüßt ihr doppelter Choral
Den weiten Gottesgarten.
Wie gerne wär’ ich mitgewallt,
Ihr Pfarr’ wollt mich nicht haben!
So muß ich seitwärts durch den Wald
Als räudig Schäflein traben.
Zum heiligen Veit von Staffelstein
Komm’ ich emporgestiegen
Und seh’ die Lande um den Main
Zu meinen Füßen liegen:
Von Bamberg bis zum Grabfeldgau
Umrahmen Berg und Hügel
Die breite, stromdurchglänzte Au –
Ich wollt’, mir wüchsen Flügel.
Einsiedelmann ist nicht zu Haus,
Dieweil es Zeit zu mähen;
Ich seh’ ihn an der Halde draus
Bei einer Schnitt’rin stehen.
Verfahrner Schüler Stoßgebet
Heißt: »Herr, gib uns zu trinken!«
Doch wer bei schöner Schnitt’rin steht,
Dem mag man lange winken.
Einsiedel, das war mißgetan,
Daß du dich hubst von hinnen!
Es liegt, ich seh’s dem Keller an,
Ein guter Jahrgang drinnen.
Hoiho! die Pforten brech’ ich ein
Und trinke, was ich finde …
Du heiliger Veit von Staffelstein,
Verzeih’ mir Durst und Sünde!

Altdeutschelei hat Hermann Hesse ihm vorgeworfen. Das hier vorgestellte Ambiente ist in der Tat ebenso wenig authentisch wie die rustikale Einrichtung einer auf altdeutsch getrimmten Brauerei-Gaststätte.

Trotzdem, das Lied besingt eine schöne Vorstellung, die Freiheit mühelosen Wanderns bei andauernd herrlichem Wetter in wundervoll heiterer Landschaft, alles hinter sich zu lassen, was irgend bedrückt, sorglos in den Tag hinein zu schreiten, zu nehmen, was sich bietet, wunschlos glücklich zu sein. Man wird doch einmal träumen dürfen!

Die Verse vermitteln das Bild eines lebenslustigen und heiteren Dichters; seine Lebensrealität wird damit aber nicht richtig erfasst. Die war von Enttäuschungen gezeichnet: An keiner Universität, in keiner Studentenverbindung hielt er es lange aus, die Revolution von 1848 war gescheitert, seine Werbung um Emma Heim blieb vergeblich, seine 1864 geschlossene Ehe mit Caroline von Malsen war bereits drei Jahre später am Ende, der geplante große historische Roman blieb unausgeführt, seine letzten Jahre verbrachte er seelisch erkrankt und isoliert am Bodensee.

Gut, manche – auch unter denen, die hier vertreten sind – hatten mit ganz anderen Schicksalen zu kämpfen, aber ein unbeschwertes Leben kann man es nicht gerade nennen. Vorausschauend hatte Scheffel bereits 1854 im Trompeter von Säckingen gedichtet: Behüt’ dich Gott, es wär zu schön gewesen, / behüt’ dich Gott, es hat nicht sollen sein

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