Lieblingsgedichte

Friedrich Rückert (1788 – 1866)

Zur heiteren Stunde fehlet ihr

Zur heiteren Stunde fehlet ihr,
Zum fröhlichen Bunde fehlet ihr.
Den Sommer kündigen Schwalben an,
Der freudigen Kunde fehlet ihr.
Die Blumen im Wiesengrunde blühn,
Dem blühenden Grunde fehlet ihr.
Mit lachendem Mund gehn Rosen auf,
Mit lachendem Munde fehlet ihr.
Gefunden hat Glück und Lust die Welt,
Zum glücklichen Funde fehlet ihr.
Die Brüder schlingen den Reihentanz;
Warum in der Runde fehlet ihr?
Die Mutter erzählt ein Mährchen schön;
Warum bei der Kunde fehlet ihr?
Ihr fehlt, ich weiß nicht, warum ihr fehlt;
Aus nichtigem Grunde fehlet ihr.
Ihr fehlt uns in jedem Augenblick.
In jeder Sekunde fehlet ihr.
Ihr fehlet an jedem Ort, nur nie
Dem Herzen als Wunde fehlet ihr.
Was fehlt dem Herzen? ihr fehlet ihm,
Damit es gesunde, fehlet ihr.

„Sei nun das Leid gesungen” – Das Gedicht ist entnommen der Sammlung Kindertodtenlieder von Friedrich Rückert. 1821 heiratet Rückert Luise Wiethaus-Fischer. Nach und nach kommen fünf Söhne zur Welt, im Januar 1829 der fünfte Sohn Ernst, im Juni 1830 die erste Tochter Luise.

Im November 1833 erkranken alle Rückert-Kinder an Scharlach, die Krankheit war damals nicht therapierbar – „Krank erst Kind um Kind, / Dann die Frau dazu, / Endlich das Gesind, / Niemand fehlt als du.” Zu sehen, wie das Töchterchen mit dem Tode ringt, bricht ihm das Herz – „Was zu naschen, was zu spielen / Von so schönen Sachen vielen / Magst du Kind? / Das Kind sprach schwer: / Mutter, ich mag gar nichts mehr.” Am 13. Dezember stirbt Luise – „Es bringt die Magd die Todeskunde / Vom Schwesterchen der Knabenschaar; / Da rufen sie mit Einem Munde: / Sie ist nicht todt, es ist nicht wahr.”

Der vierjährige Ernst hat schwer und lange unter der Krankheit zu leiden – „Selber der Gesundheit Fülle / Dient dir jetzt nur zum Verderben; / Schwerer sprengt der Geist die Hülle, / Und wir seh’n dich langsam sterben.” Am 16. Januar stirbt auch er – „Als von den vier Todeskranken / Zwei nun aus den Bettchen stiegen / Und durchs Zimmer wieder wanken, / Kehren erst mir die Gedanken, / Daß zwei andre draußen liegen.”

Rückert weiß sich nicht anders zu helfen, als seine Trauer zu bedichten, er klagt die Kindertotenlieder – „Alle Wässerlein fließen / In das bittere Meer” – und ist untröstlich – „Wir verbitten uns Beileidsbezeugungen, / Seufzende Worte, stumme Verbeugungen, / Förmlich in Falten gelegtes Gesicht, / Das hilft uns nicht und tröstet uns nicht.”

Insgesamt 428 Gedichte entstehen in den Jahren 1833 und 1834, darunter auch das wiedergegebene. Auf den ersten Blick erscheint befremdlich, dass Rückert für seine Klage die artifizielle Form eines Ghasels wählt, einer Gedichtform der klassischen persischen Lyrik, die Rückert in die deutsche Literatur eingeführt hat.

Unverständlich ist es nicht, hat er sich doch intensiv mit orientalischer Poesie befasst, er lebte, dachte und dichtete in ihr. Wikipedia zählt 44 Sprachen auf, mit denen er sich im Laufe seines Lebens übersetzend, nachdichtend, lehrend oder sprachwissenschaftlich beschäftigt hat, darunter Arabisch, Estnisch, Gotisch, Hindustanisch, Russisch und Sanskrit.

Außerdem hat er, mit wenigen Ausnahmen, die Kindertotenlieder niemals zur Veröffentlichung vorgesehen. Sie waren seine sehr persönliche Weise, der Trauer Raum zu geben – „Du bist ein Schatten am Tage, / Und in der Nacht ein Licht; / Du lebst in meiner Klage, / Und stirbst im Herzen nicht.” Die Gedichte verschwanden in der Schublade. Er scheute auch wohl, hierfür Honorar einzustreichen wie für einen kurz zuvor erschienenen Beitrag – „Das Honorar, das reiche, / Das man dem Vater gab, / Reicht, um der liebsten Leiche / Zu kaufen grad ein Grab.”

Gedruckt wurde die vollständige Sammlung erst im Jahre 1872, aus dem Nachlass herausgegeben von Rückerts ältestem Sohn, dem Germanisten Heinrich Rückert.

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