Lieblingsgedichte

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Als Entstehungsdatum dieses Gedichts hat Rilke „21.9.1902, Paris” notiert, und genau in den Übergang zwischen Sommer und Herbst führt uns das Gedicht. Wie dieser Spätsommer- oder Frühherbst-Tag aussieht, erfahren wir nicht, wohl aber, welche Gedanken er hervorruft. Melancholie durchzieht die Verse, weil der Sommer vergeht, seine Wärme, sein Licht, seine Lebenslust, alles was an ihm „groß”artig war. Schluss, vorbei – „es ist Zeit”.

Das lyrische Ich, das Rilke hier sprechen lässt, ergibt sich darein, dass es dunkel und unwirtlich wird. Es betont dieses Einverständnis, indem es sogar darum bittet. Der Herbst wird natürlich auch ohne diese Bitte kommen, sie hat nur deklamatorischen Charakter, aber sie gibt dem Ich das Gefühl, vorbereitet zu sein.

Es zwingt sich, auch das Positive zu sehen, die reifen Früchte und den schweren Wein. Es verweilt zögerlich, drei Zeilen lang, bei den Früchten, bevor es sich dem Wein zuwendet, dessen Süße kurze Momente glücklichen Vergessens verheißt. Fast glaubt man sich in Theodor Storms Oktoberlied versetzt:

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Das alles soll nur ablenken von dem, was das Ich in Wahrheit fürchtet, was aber schließlich nicht länger zu verbergen ist, die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit. „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,” ist die Hauptzeile dieses Gedichts, hervorgehoben dadurch, dass zwei Reimzeilen auf diese verweisen. Auch an sich sinnvolle Tätigkeiten, „Lesen”, „Briefe schreiben”, sind nicht wirklich eine Hilfe. Die innere Unruhe zwingt zu plan- und ziellosem Umherwandern. Als ob damit irgendwas gewonnen wäre!

Das Ich nähert sich dieser Einsicht nur zögernd, wie uns die zunehmende Strophenlänge verrät. Letztere spiegelt zugleich das Gewicht der einzelnen Gedankenschritte wider. Darüber hinaus weist das „Briefe schreiben” auf Rilke selber hin, der diese Tätigkeit mit Hingabe ausübte. Wie man das Alleinsein aushalten kann, das muss wohl eine Überlegung sein, die ihn sehr beschäftigt hat, als er dieses Gedicht schrieb. Am selben Tag, dem „21.9.1902, Paris”, hat er ein Gedicht mit dem Titel „Einsamkeit” verfasst. Es beginnt:

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.
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