Lieblingsgedichte

August von Platen (1796 – 1835)

Tristan

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird für keinen Dienst auf Erden taugen,
Und doch wird er vor dem Tode beben,
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe,
Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen,
Zu genügen einem solchen Triebe:
Wen der Pfeil des Schönen je getroffen,
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen,
Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen
Und den Tod aus jeder Blume riechen:
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, / Ist dem Tode schon anheimgegeben – was für eine verquaste Ausdrucksweise. Und doch bringt sie uns nahe, wie überwältigt dieses Wer vom Anblick der Schönheit ist, so dass es nur noch zu stammeln vermag.

Das Gedicht oder Lied trägt den Titel Tristan, weil Platen es für eine Tristan-Tragödie verfasste (die nie zustande kam), darin es von der Titelfigur vorgetragen werden sollte. Tristan erblickt die Schönheit in Isolde, die er König Marke als Braut zuführen soll. Beide entbrennen in Liebe zueinander. Als König Marke den Betrug entdeckt, muss Tristan fliehen. In der Hoffnungslosigkeit ihrer Liebe finden die Liebenden den Tod.

Das legt die Deutung nahe, dass in dem Gedicht die Person des Tristan über sich selber spricht. Andererseits als autonomes Gedicht gelesen, spricht das Gedicht über Tristan und versucht, sich seine Liebesnot und Todessehnsucht zu vergegenwärtigen. Dabei ist bezeichnend, dass von Liebe kaum, von der Qual der geschauten Schönheit umso lauter gesprochen wird. Nur der Pfeil des Schönen assoziiert Amors Pfeil und verursacht Schmerz der Liebe. Als ob hier um den heißen Brei herumgeredet wird !

Der heiße Brei ist Platens Homosexualität, die in der Person des Tristan einen unverfänglichen Träger der beschriebenen Empfindungen gefunden hat. Man muss das gar nicht als Versteckspiel ansehen, eher als eine Schonung des Lesers, der auf diese Weise die Leiden unbefangen nachvollziehen kann. Wir sind ja noch im neunzehnten Jahrhundert.

Die schmerzhafte Schönheit wird auch im Gedicht selber sichtbar, in den wiegenden Versen mit ihren weichen Endungen, in den in sich selbst zurück kehrenden Strophen, in den gleichlautenden ersten und fünften Zeilen, die die Mittelzeilen besonders hervortreten lassen. Nicht nur sind die Strophen durch die Klammerung in sich ruhend, es kann auch die jeweils letzte Zeile mit der nachfolgenden ersten Zeile zu einer Sinneinheit zusammen gezogen werden, was die Zusammengehörigkeit des Ganzen unterstreicht. Und das Ende des Gedichts verweist wieder auf den Anfang, ein Teufelskreis. Dreimal erscheint die Zeile Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, als sollten wir dadurch auf ihre erotische Konnotation hingewiesen werden.

Zwei Einzelheiten gibt es, über die man beim Lesen stolpern kann. Die vierte Zeile, Und doch wird er vor dem Tode beben, ist die einzige, die mit einer Senkung, gefolgt von zwei Hebungen, beginnt. Dieses kurze Stocken gibt dem Gedanken eine besondere Präsenz: Obwohl der Tod ersehnt wird, wird er doch gefürchtet. Zum andern, kann ein Quell versiechen? Wir sind gewohnt, versiegen, d.h. austrocknen, zu lesen. Aber Platen wählt versiechen nicht aus Ungeschick. Das Verb existierte im neunzehnten Jahrhundert noch. Es hängt mit siech, krank, zusammen und bedeutet in Krankheit vergehen. Das andere Wort schwingt unausgesprochen mit: Wie eine Quelle vertrocknet, möchte das Gedicht-Er liebeskrank vergehen.

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