Lieblingsgedichte

Gottlieb Konrad Pfeffel (1736 – 1809)

Der Frühling und der Herbst

Niemals ist doch der Mensch mit meinen Gaben zufrieden,
Sagte zum Frühling der Herbst; dir nur lächelt sein Gruß.
Freund, versetzte der Lenz, so will es die Sitte hienieden;
Für den Sterblichen ist Hoffnung mehr als Genuß.

Das Distichon, der klassische Zweizeiler, in diese Form sind viele solche Sinngedichte gegossen. Eine Frage – eine Antwort, eine Beobachtung – eine Deutung, eine Sentenz – ein Widerspruch, eine Illusion – eine Entzauberung, so sind wir es gewohnt. „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest / Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.” Erst die Idylle, eine Stele an historischer Stätte; dann die Botschaft, ihr Tenor: Stolz und Ruhm oder Trauer und Fluch? Wer weiß!

In Pfeffels Epigramm haben wir zwei aufeinanderfolgende Distichen, die, über das klassische Versmaß hinausgehend, durch Reimung zusammengebunden sind. Dem Charakter der beiden verschiedenen Metren folgend sind die zwei Hexameter durch einen weiblichen, die zwei Pentameter durch einen männlichen Reim aufeinander bezogen. Und auch hier: Eine Frage, dann die – zwangsläufige? – überraschende? – alles erklärende? – Antwort.

Ein leichter Vorwurf ist aus den Zeilen herauszuhören. Zunächst der Vorwurf der Unzufriedenheit und Eifersucht; dieser geht an den Fragesteller, der sich zu Unrecht zurückgesetzt fühlt, obwohl doch eigentlich er derjenige ist, der alles in Fülle spendet und dem trotz allem der Dank verwehrt wird. Dann aber der Vorwurf an diejenigen, die von seiner Großzügigkeit profitieren, dass sie nämlich das, was sie haben, nicht recht zu schätzen wissen, sondern stattdessen lieber auf weitergehende Wunder warten.

Aber der Lenz und mit ihm der Dichter redet den Nörgler mit Freund an und nimmt so dem Vorwurf die Spitze. Auch der Vorwurf des Undanks verflüchtigt sich damit und macht dem Mitgefühl Platz: So sind sie halt, die Menschen, Kinder, mit denen man Nachsicht haben muss.

Das entspricht so ganz dem Bild, das wir von Gottlieb Konrad Pfeffel haben, das Bild eines verständnisvollen, zugewandten Menschen, der anderen stets mit heiterem Wohlwollen begegnete, als Gesprächspartener geschätzt war und als Lehrer verehrt wurde, obwohl er es zeitlebens wahrlich nicht leicht hatte. Früh erblindet, musste er das Studium aufgeben. In seiner schriftstellerische Arbeit war er stets auf Hilfe, meist die seiner Frau, angewiesen. Im Gedenken an seinen verstorbenen Sohn und um die Familie zu unterhalten, gründete er im damals französischen Elsass eine Militärschule für protestantische Knaben, denen der Weg über eine staatliche Militärschule verwehrt war. Republikanisch gesinnt, führte er seine Schule zwar in militärischer Formen, aber nach den Grundsätzen der Reformpädagogik.

In den Wirren der Revolution verlor er Schule und Vermögen. Seine finanzielle Misere änderte sich erst, als ihm Napoleon 1806 eine Pension aufsetzte. „In späteren Jahren sagte er, daß er nicht nur die Taubheit für ein schlimmeres Uebel halte als die Blindheit, sondern auch, wenn er die Wahl hätte, lieber diese ertragen wolle, als seine rheumatischen Schmerzen.”1

Dass Frühling und Herbst häufig für Jugend und Alter stehen, gibt dem Gedicht einen zusätzlichen wehmütigen Unterton. Pfeffel schrieb diese Zeilen 1805 als beinah Siebzigjähriger, die Zeit der Hoffnung lag schon fern.

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1 Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 25, S.615 (7.7.2020)
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