Lieblingsgedichte

Philipp Nicolai (1556 – 1608)

Wie schön leuchtet der Morgenstern

(gekürzt)

Wie schön leuchtet der Morgenstern /
Voll Gnad vnd Warheit von dem HERRN /
Die süsse Wurtzel Jesse?
Du Sohn Dauid / auß Jacobs Stamm /
Mein König vnd mein Bräutigam /
Hast mir mein Hertz besessen /
Lieblich /
freundtlich /
Schön vnd herrlich /
Groß vnd ehrlich /
Reich von Gaben /
Hoch vnd sehr prächtig erhaben.
Ey mein Perle / du werthe Kron /
Wahr Gottes vnd Marien Sohn /
Ein hochgeborner König /
Mein Hertz heißt dich ein lilium,
Dein süsses Euangelium,
Jst lauter Milch vnd Honig /
Ey mein
Blümlein /
Hosianna /
Himmlisch Manna /
Das wir essen /
Deiner kan ich nicht vergessen.
Von Gott kompt mir ein Frewdenschein /
Wenn du mit deinen Eugelein /
Mich freundtlich thust anblicken /
O HERR Jesu mein trawtes Gut /
DeinWort / dein Geist / dein Leib vnd Blut /
Mich innerlich erquicken.
Nimm mich /
freundtlich /
Jn dein Arme /
Daß ich warme
Werd von Gnaden /
Auff dein Wort komm ich geladen.
Wie bin ich doch so hertzlich fro /
Daß mein Schatz ist das A vnd O /
Der Anfang / vnd das Ende:
Er wirdt mich doch zu seinem Preyß /
Auffnemmen in das Paradeiß /
Deß klopff ich in die Hände.
Amen /
Amen /
Komm du schone
FrewdenKrone /
Bleib du nicht lange /
Deiner wart ich mit Verlangen.

Aus HNARegiowiki1: „Es ist eine schwere Zeit, in die Philipp Nicolai am 10. August 1556 hineingeboren wird. Der Vater, Pfarrer, war zunächst katholisch, hatte 1543 in Herdecke an der Ruhr die Reformation eingeführt und war später, als seine Landesherren wieder den katholischen Glauben verordneten, nach Mengeringhausen gegangen. Dort wird Philipp als dritter Sohn geboren. [...] 1568 zieht Nicolai nach Kassel, es folgen Stationen in Hildesheim, Dortmund, Wittenberg, bis er 1576 schließlich nach Korbach zieht. Im Alter von 20 Jahren hält Philipp Nicolai als Theologiestudent seine erste Predigt in Mengeringhausen. 1583 übernimmt er seine erste Pfarrstelle in Herdecke.”

Anmerkung: Das berührt mich besonders, denn dort bin ich aufgewachsen.

Er wurde aber bald von Söldner-Truppen der spanischen Gegenreformation vertrieben. Er wechselte nach Köln, das damals beinah rein katholisch war und wurde Prediger einer lutherischen Untergrund-Gemeinde. 1588 übernahm er das Amt eines Hofpredigers und Lehrers am Hof des Herzogs vonWaldeck.

Im Jahre 1596 berief ihn die Gemeinde in Unna/Westfalen zum Pastor. 1597 suchte eine schreckliche Pest Unna heim, ein Drittel der Einwohner starb, es gab 1300 Beerdigungen, unter den Toten waren zwei seiner Schwestern. Nicolai pflegte die Kranken, war Seelsorger und Leichenbestatter. Als Tröstung schrieb er sein Buch Freudenspiegel des ewigen Lebens. Darin enthalten sind auch seine beiden berühmtesten Lieder, Wachet auf, ruft uns die Stimme und Wie schön leuchtet der Morgenstern.

Hier zeigt jede Strophe im Druckbild die Form eines Kelches, des Sinnbilds von Leiden und Opferbereitschaft, siehe Matthäus 26,39: „Und ging hin ein wenig, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!” Mit diesem Kelchsymbol erweitert Nicolai den gottfrohen Text des Liedes und nimmt auch die Heimsuchung als von Gott gesandte Prüfung gläubig an.

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1 HNARegiowiki (11.5.2020)
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