Lieblingsgedichte

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Die Mausefalle

I

Palmström hat nicht Speck im Haus
dahingegen eine Maus.
Korf, bewegt von seinem Jammer,
baut ihm eine Gitterkammer.
Und mit einer Geige fein
setzt er seinen Freund hinein.
Nacht ist’s und die Sterne funkeln.
Palmström musiziert im Dunkeln.
Und derweil er konzertiert,
kommt die Maus hereinspaziert.
Hinter ihr, geheimer Weise,
fällt die Pforte leicht und leise.
Vor ihr sinkt in Schlaf alsbald
Palmströms schweigende Gestalt.

II

Morgens kommt v. Korf und lädt
das so nützliche Gerät
in den nächsten, sozusagen,
mittelgroßen Möbelwagen,
den ein starkes Roß beschwingt
nach der fernen Waldung bringt,
wo in tiefer Einsamkeit
er das seltne Paar befreit.
Erst spaziert die Maus heraus,
und dann Palmström, nach der Maus.
Froh genießt das Tier der neuen
Heimat, ohne sich zu scheuen.
Während Palmström, glückverklärt,
mit v. Korf nach Hause fährt.

Wie können einem zeitlebens schwer kranken, an Tuberkulose leidenden, dem Tode nahen Dichter solche Zeilen einfallen? Als Flucht in den geistvollen Witz, um über dem Elend nicht irre zu werden? Ist er ein dahinsiechender Clown, der alle zum Lachen bringt, während ihm selbst zum Weinen ist? Wo sind dann die kleinen Löcher in der lustigen Fassade, die die Tragik durchscheinen lassen?

Sie sind da. Auch Palmström hat seinen Jammer, eine klitzekleine Maus, sozusagen den Diminutiv eines großen Kummers, und keinen Speck, mit dem man bekanntlich Mäuse fängt. Es ist understatement, das aus einem großen Untier ein kleines Mäuslein werden lässt. Wie groß der Kummer wirklich ist, wird nur deutlich aus dem Aufwand, der darum getrieben wird: Eine im Verhältnis zur Maus riesengroße Gitterkammer, dazu später noch Ross und Wagen.

Palmström selber, des Dichters alter ego, spielt den Köder, lockt das Untier, es zu fangen. Womit zu fangen? Mit Musik, sagt der Dichter, aber das ist nur eine Mystifikation, Dichter komponieren nicht, sie dichten, sie schließen das Elend in Worte ein. Und dann lassen sie es in die Welt hinaus laufen. Das gibt für den Augenblick Befreiung genug, um glückverklärt nach Hause zu fahren. Wer weiß, wie lange das Glücksgefühl dort anhält!

Morgenstern konnte auch anders, so zum Beispiel: „Zwischen Weinen und Lachen / schwingt die Schaukel des Lebens.” Oder so: „Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen, / dass du zitterst, welchem Ziel du nahst?” Wir tun ihm Unrecht, wenn wir bei ihm nur an Wiesel und Rehlein, an Palmström und den Zwölf-Elf denken

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