Lieblingsgedichte

Eduard Mörike (1804 – 1875)

An eine Äolsharfe

Tu semper urges flebilibus modis
Mysten ademptum: nec tibi Vespero
Surgente decedunt amores,
Nec rapidum fugiente Solem.
(Horaz)
Angelehnt an die Efeuwand
Dieser alten Terrasse,
Du, einer luftgebornen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,
Fang an,
Fange wieder an
Deine melodische Klage!
Ihr kommet, Winde, fern herüber,
Ach, von des Knaben,
Der mir so lieb war,
Frisch grünendem Hügel.
Und Frühlingsblüten unterweges streifend,
Übersättigt mit Wohlgerüchen,
Wie süß bedrängt ihr dies Herz!
Und säuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
Und hinsterbend wieder.
Aber auf einmal,
Wie der Wind heftiger herstößt,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt, mir zu süßem Erschrecken,
Meiner Seele plötzliche Regung;
Und hier – die volle Rose streut, geschüttelt,
All ihre Blätter vor meine Füße!

Johann Heinrich Voß (1751 – 1826) übersetzte die lateinischen Verse des Horaz folgendermaßen:

Du trauerst endlos in Melodien des Grams
Um Mystes Abschied; weder wenn Hesperus
Aufsteiget, bannt dein Herz die Sehnsucht,
Noch wenn der Sonne Gewalt er fliehet.

In einfachen Worten: Du beklagst unaufhörlich des Mystes Heimgang; weder am Abend, wenn Hesperus, der Wandelstern Venus, erscheint, noch am Morgen, wenn er der Sonne weichen muss – niemals also –, kann dein Herz den Schmerz verwinden.

Mörike gedenkt in dem Gedicht, ohne ihn zu nennen, seines 1824 verstorbenen Bruders August. Das Zitat des Horaz macht von Anfang an deutlich, dass es hier um Melodien des Grams, um eine Totenklage geht, was sich im Laufe des Gedichts aber auch von selbst erschließt. Wozu also dieser Hinweis? Vielleicht, um zu bedeuten, dass über den konkreten Anlass hinaus eine allgemeine Erfahrung angesprochen wird.

Mystes ist die Bezeichnung für einen Priester der Mysterienkulte. Er vertritt den Gott Dionysos, der im Dionysoskult nicht nur als Gott des Weines präsent ist, sondern auch als Gott der Unterwelt in die Tiefe hinabsteigt, bevor er wiederkehrt.

Hesperus, der Sohn oder der Bruder des Titanen Atlas, galt als Sternenkundiger. Eines Nachts wurde er vom Berg Atlas, wo er die Sterne beobachten wollte, von einem Sturm hinweggenommen und war für seine Mitmenschen verschwunden. Die aber hielten ihn in Ehren und benannten nach ihm den Abendstern Hesperos.

Und was hat es mit der Äolsharfe auf sich? Die Äolsharfe, benannt nach Aiolos, dem Gott der Winde, besteht aus Saiten, die, über einen Resonanzkasten gespannt, durch vorbeiströmende Luft zum Klingen gebracht werden. Die dabei entstehenden Töne und Akkorde sind abhängig von Windstärke und -Richtung und bezaubern durch ihren geheimnisvoll-unwirklichen Klang.

Die Äolsharfe wird oft als Sinnbild für den Poeten gebraucht, um auszudrücken, dass beide durch Inspiration (wörtlich: Einhauchung) zum Reden und Singen gebracht werden. Im Gedicht gleicht die Trauer um den Bruder dem unvorhersagbaren Klang der Äolsharfe, klagend im sanften Lufthauch, anschwellend und hinsterbend wieder, auch unverhofft aufbrausend wie der Wind heftiger herstößt. Mit diesem unvorhersagbaren Klingen wie Leiden korrespondieren wunderbar die freien Rhythmen des Gedichts, die sich ebenfalls jeder Regel entziehen.

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