Lieblingsgedichte

Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898)

Eingelegte Ruder

Meine eingelegten Ruder triefen,
Tropfen fallen langsam in die Tiefen.
Nichts, das mich verdroß! Nichts, das mich freute!
Niederrinnt ein schmerzenloses Heute!
Unter mir – ach, aus dem Licht verschwunden –
Träumen schon die schönern meiner Stunden.
Aus der blauen Tiefe ruft das Gestern:
Sind im Licht noch manche meiner Schwestern?

Die Überschrift suggeriert das Ausruhen nach einem tätigen Leben, das wohlverdiente Nachlassen der Schaffenskraft nach harter Arbeit und treuer Pflichterfüllung. Aber dieser Eindruck verfliegt, wenn wir weiter lesen.

Zeilen voll „müder Resignation” (Peter Horn1), die Ruder, eingelegt nach getaner Ruderarbeit, tropfen noch, allerdings in Zeitlupe. Nur einmal wird der wiegende, schläfrige Rhythmus der Trochäen unterbrochen, wenn in der dritten Zeile das Nichts … ! Nichts … ! herausbricht. Verdruss und Freude sind vergangen, innere Leere herrscht. Zwischenhin ein Schatten der Erinnerung – dahin, dahin. Nur ganz am Ende des Gedichtes blitzt scheinbar so etwas wie Hoffnung auf, wenn es denn die schönern Stunden sind, die nach ihres­gleichen Ausschau halten.

Peter Horn1 hält den Schluss des Gedichtes für missglückt, seiner Meinung nach „haben wir es hier mit zwei Zeilen zu tun, die wir ohne weiteres in einer sentimentalen Dienstmädchenballade, in einer schaurigen Moritat, aber keineswegs in einem ernst zunehmenden Gedicht erwarten würden. Die Stimme ist die von Meyers Mutter, die den Tod im Wasser gesucht hat. Aber es ist bezeichnend und bedeutsam, dass Meyer gerade dieses Erlebnis, das ihn tief getroffen [hat] und das ihn zeitlebens quälte, nicht gestalten kann … ”

Zweimal wird im Gedicht das Licht beschworen als Garant von Klarheit und Zuversicht. Vergebens, beim ersten Mal ist alles Tröstende, alles Aufhebenswerte diesem Licht entflohen und ins Dunkel des Vergessens hinab gesunken. Und das Gestern, das am Ende aus der blauen Tiefe herauftönt, ist nach Peter Horns oben zitierter Deutung alles andere als tröstlich. Wenn also alles, was noch ins Licht treten mag, diesem Gestern gleicht wie Schwestern, ist auch davon kein Trost zu erwarten.

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1 Horn, Peter, „Niederrinnt ein schmerzenloses Heute" in Acta Gemanica, S. 67 – 94, im Internet unter academia.edu (17.10.2020)
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