Lieblingsgedichte

Nelly Klein (geb. 2000)

Tagtraum einer Beerdigung

Jetzt mal rein hypothetisch
Wenn du heute Nacht sterben solltest
Und die Beerdigung stünde an
Dann könnte ich von dir sagen
Treu ist er gewesen und gut
Immer ein Lächeln auf den Lippen
Hatte für Kinder was übrig
Und jährlich die Steuer erklärt
Das Trinken war ihm zuwider
Doch ins Theater ging er gern
War ein Koch von Gottes Gnaden
Und hatte nie ein Kilo zu viel
Immer mit dem Fahrrad unterwegs
In dutzenden Ehrenämtern
Leiter einer tollen Stiftung
Und doch die Familie im Blick
Das alles könnte ich sagen
Wenn du heute Nacht sterben solltest
Und die Beerdigung stünde an
Doch lügen darf man nicht
(aus Das poetische Stacheltier, 3.9.2021)

Nelly Klein bastelt sich einen Traummann? Nicht ganz: Nelly Klein präsentiert uns ein lyrisches Ich, wie es sich einen Traummann bastelt. Die Prämisse „Wenn du heute nacht sterben solltest” (coniunctivus irrealis) rückt die Gedanken in die Nähe von Nachtgebilden, Phantasmagorien. Idealvorstellungen kommen in den Sinn, vom Wünschen handelt das Gedicht.

„In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat” beginnt das Märchen vom Froschkönig, das vielerlei Deutungen angeregt hat. „Der Märchenphilologe Lutz Röhrich beobachtet, dass Psychologen gerade auch dieses Märchen als Reifungsvorgang deuten.” 1 Es geht also um das sexuelle Erwachen der Königstochter. Mit ihrem Spielzeug verliert sie ihre Kindheit, und der Frosch fordert „aber wenn du mich lieb haben willst und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, … ” Schwupps verwandelt er sich in einen wunderschönen Königssohn.

Kurt Tucholski wusste, dass die Geschichte damit nicht zu Ende ist. Er dichtete sarkastisch „Es wird nach einem happy end / im Film jewöhnlich abjeblendt.” Denn was danach kommt, ist Alltag, wenig inspirierend, zusammengefasst in der wiederkehrenden Frage „Na, un denn – – ?”

Kleins Gedicht setzt das Märchen fort. Der Märchenprinz, im ersten Überschwang grenzenlos idealisiert, kann die geweckten Erwartungen nicht erfüllen. Er ist schließlich nur ein Mensch mit all seinen Schwächen und Fehlern. Bei Licht besehen, schließlich handelt es sich um einen Tagtraum, ist er immer noch ein garstiger Frosch. Grenzenlos ist nun die Ernüchterung; ob es darüber zum Bruch kommt, steht dahin.

Das Gedicht trägt den Titel „Tagtraum einer Beerdigung”. Vordergründig geht es, „rein hypothetisch”, um die Beerdigung des Partners. Aber es gibt da noch eine andere Beerdigung: Tief in seinem Innern begräbt das Ich all seine Illusionen mit dem apodiktischen „lügen darf man nicht”. Der Satz hat die Wucht eines göttlichen Gebotes. Vor allem darf man sich nicht selbst belügen.

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1 Artikel Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich in Wikipedia (4.9.2021)
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