Lieblingsgedichte

Nikolaus Lenau (1802 – 1850)

Scheiden

„Dahin sind Blüten jetzt und Nachtigallen,
Und durch den kahlen, sangverlaßnen Strauch
Weht nun des Herbstes einsam kühler Hauch;
Mein Glück ist mit dem Laube abgefallen!
Das ist der Hain, wo ich mit dir oft weilte,
Das ist der Büsche wonnigliche Haft,
Wo uns am Flehen süßer Leidenschaft
Unfesselbar die Zeit vorübereilte.
Du wanderst fort, du willst die Welt durchmessen;
Hier ist der Pfad, so schlangenkrumm und kalt,
Der dich, Geliebter, locket mit Gewalt
Und fortfährt in die Fremde, ins Vergessen! –”
„Das Schiff bewegt mit seinem Reisedrange
Und stört empor die See aus glatter Ruh;
Doch ist es fort, schließt sich die Welle zu,
Gleichgültig wallt sie fort im alten Gange.
Siehst du von jenem Baum den Raben fliegen?
Von seinem Fortschwung wankt und bebt der Ast
Ein Weilchen noch und kehrt zur alten Rast;
Und deine Klagen werden bald versiegen!”

Das Gedicht beginnt wie eine Elegie auf die Vergänglichkeit – „Dahin sind Blüten jetzt und Nachtigallen”. Es führt zwei Weisen vor, damit umzugehen, zuerst die klagende Rückschau, dann das gefasste Aushalten. Doch die Überschrift Scheiden legt nahe, dass mehr dahinter steckt.

Zwei Liebende reden aneinander vorbei und finden zu keiner gemeinsamen Sprache. Wir hören Rede und Gegenrede, Anklage und Ausflucht. Die Unvereinbarkeit gegensätzlicher Bedürfnisse, auch die Unfähigkeit, Verständnis und Mitgefühl zu auszusprechen, geben diesen Versen ihre schwebende Melancholie. Der Abschied ist unausweichlich.

Sie ist verzagt und dem Vergangenen verhaftet. Wie der Herbst alle Kraft des Sommers verzehrt, lähmt Trauer sie um die verlorenen schönen Tage, macht die unausgeprochene Hoffnung auf Dauer zunichte und lässt keinen Gedanken an irgendein Zukünftiges aufkommen. Er versucht zu trösten, aber ist das ein Trost, wenn beider Verhältnis als flüchtig, oberflächlich und vergänglich dargestellt wird? In solchem Augenblick klingt es wie Hohn, abgespeist zu werden mit dem Gemeinplatz „Die Zeit heilt alle Wunden”.

Natürlich ist das Dichtung, nicht Bericht über eine real vorgekommene Szene. Es ist Lenaus Erfindung, wie ein Abschied ablaufen kann. Aber eine solche Erfindung wird doch gespeist aus der eigenen Erfahrungs- und Vorstellungswelt. Zitat: „Nikolaus [Lenau] […] gehörte wie viele seiner Generation zu jenen Problematischen Naturen, denen Friedrich Spielhagen unter diesem Titel 1860/62 ein literarisches Denkmal gesetzt hat. […] Mit ihm waren Naturen gemeint, deren Leben ‚ohne Genuß verzehrt’ werde, da sie ‚keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genug tut’.”1

Eine andere Quelle wird noch deutlicher 2 „1823–27 Eheähnliches Verhältnis mit Adalberta Hauer (der unehelichen Tochter einer Haushälterin); Tochter: Adelheid (1826-1844), 1834–44 Platonisches Liebesverhältnis mit der verheirateten Sophie von Löwenthal., ” Und weiter: „[…] steht zwei Heiratsversuchen im Wege.” Und weiter: „‚… meine sämtlichen Schriften sind, da ich für Taten keinen Raum finde, mein sämtliches Leben …’, vier abgebrochene Studiengänge, zwei verhinderte Ehen, gescheiterter Versuch, als Farmer in Amerika Fuß zu fassen, abgelehnte Bewerbung um eine Ästhetik-Professur. Lebt großenteils von der finanziellen Unterstützung bzw. dem Erbe seiner Großeltern. Voller Unrast, unstet im Charakter wie in der Weltsicht, kränkelnd, hypochondrisch, schwermütig und zerrissen.”

Und doch von eigenartiger Anziehungskraft. Die Leser und mehr noch die Leserinnen verehrten ihn seiner schwermütigen, musikalischen Gedichte halber. „Lieblich war die Maiennacht, Silberwölklein flogen” beginnt eines seiner bekanntesten, nur um damit zu enden, dass ein Postillion am Grabe seines Kameraden einen nächtlichen Gruß bläst.

1831 verliebt er sich in Charlotte Gmelin. Er verarbeitet diese Liebe in den Schilfliedern, „ eine[r] melancholische[n] Liebesdichtung […], in der das lyrische Ich schwermütig einer unerfüllbaren Liebe nachträumt”. 3

Auf geheimem Waldespfade
Schleich ich gern im Abendschein
An das öde Schilfgestade
Mädchen, und gedenke dein!
1832 trennt er sich von ihr. Er versucht sein Glück in Amerika, kehrt aber schon 1833 gescheitert und desillusioniert zurück. Aus demselben Jahr stammt das Gedicht Scheiden. Ob er sich mit den wenig sensiblen Trennungsworten selbst einen Spiegel vorhält? ?
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1 Bechtel, Helmut Herman und Szendi,Zoltán, Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur, im Internet unter Lehrbuch.udpi (9.3.2021)
2 Artikel Nikolaus Lenau in Daten der deutschsprachigen Literatur, Universität Karlsruhe (9.3.2021)
3 Artikel Nikolaus Lenau in Wikipedia (10.3.2021)
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