Lieblingsgedichte

Hans Leip (1893 – 1983)

Lili Marleen

Vor der Kaserne,
Vor dem großen Tor,
Stand eine Laterne
Und steht sie noch davor.
So woll’n wir uns da wiederseh’n
Bei der Laterne woll’n wir steh’n,
Wie einst, Lili Marleen.
Unsere beiden Schatten
Sah’n wie einer aus,
Daß wir so lieb uns hatten,
Das sah man gleich daraus.
Und alle Leute soll’n es seh’n,
Wenn wir bei der Laterne steh’n,
Wie einst, Lili Marleen.
Schon rief der Posten:
Sie blasen Zapfenstreich,
Es kann drei Tage kosten!
Kamerad, ich komm’ ja gleich.
Da sagten wir Aufwiederseh’n
Wie gerne wollt’ ich mit dir geh’n,
Mit dir, Lili Marleen!
Deine Schritte kennt sie,
Deinen schönen Gang.
Alle Abend brennt sie,
Mich vergaß sie lang.
Und sollte mir ein Leid gescheh’n,
Wer wird bei der Laterne steh’n,
Mit Dir, Lili Marleen?
Aus dem stillen Raume,
Aus der Erde Grund,
Hebt mich wie im Traume
Dein verliebter Mund.
Wenn sich die späten Nebel dreh’n,
Werd’ ich bei der Laterne steh’n
Wie einst, Lili Marleen.

Wie konnte ein Werk der Trivialliteratur solchen Ruhm erlangen? Geschrieben wurde es nach Leips Bekunden im Jahre 1915, vertont 1938 von Martin Schultze. Verbunden bleibt es auf ewig mit den Namen seiner bekanntesten Interpretinnen Lale Andersen und Marlene Dietrich. Und das, obwohl es ein Mann, ein Soldat ist, der hier seine Freundin Lili Marleen anspricht. Dementsprechend trug die Schallplatte von Lale Andersen den Untertitel Lied eines jungen Wachtposten.

Es müssen wohl diese Zeilen etwas zum Klingen bringen, das aller Propaganda zum Trotz das Bild des unerschrockenen Recken durch Sentimentalität und Zukunftsangst konterkariert. Kein Wunder, dass es von den Machthabern als defätistisch eingestuft und zeitweilig verboten wurde. Half aber nichts, nachdem die Katze aus dem Sack und das Lied über den Soldatensender Belgrad an die Öffentlichkeit gelangt war, wurde es so nachdrücklich gefordert, dass an eine dauerhafte Unterdückung nicht zu denken war.

Es beginnt mit dem ehedem noch unverbrauchten Bild eines Liebespaares unter einer Gaslaterne nahe beim Kasernentor kurz vor dem Zapfenstreich. In dieses Bild träumt sich der Sänger beim Schreiben eines Briefes zurück, das möchte er wieder erleben, wohl wissend, dass alles auch ganz anders kommen kann. Denn der kleine Abschied für die Nacht nimmt den großen Abschied beim Abmarsch an die Front und den noch größeren und endgültigen, wenn er dort zu Tode kommt, vorweg. Dass das Lied in den letzten Strophen immer mehr in einen abgedroschenen Schlagerton abgleitet, hat ihm bei seinen Hörern offenbar nicht geschadet.

Bei alledem bleibt der Riesenerfolg des Liedes ein Rätsel. Rosa Sale Rosa1 stellt fest: Kein wirklich interesssantes Phänomen – und Lili Marleen ist zweifellos ein solches – kommt ohne eine Art Geheimnis aus, das allen Erklärungen widersteht. Als Lale Andersen […] gefragt wurde, wieso ihr Lied so erfolgreich geworden ist, antwortete sie nur: „Kann derWind erklären, warum er zum Sturm wird?” (Eigene Übersetzung aus dem Englischen)

Die sentimentale (zweite) Vertonung wird das Ihre dazu beigetragen haben.

Es ist ja nicht das erste Lied mit diesem Tenor. Im 18. Jahrhundert entstand das Lied eines wegen Desertion zum Tode verurteilten Schweizer Reisläufers: In Straßburg auf der Schanz’, da hub mein Trauern an. Auch hier keine Spur von Heldenmut. Im 19. Jahrhundert dichtete Ludwig Uhland den Guten Kameraden: Er liegt mir vor den Füßen, / als wär’s ein Stück von mir. Beide wie auch Lili Marlen mehr Anti- als Kriegs-Lieder. Dazu kommt der magische Klang des Wortes einst, welches auf ein glückliches Früher verweist, dem das schmerzliche Jetzt nichts entgegen zu setzen hat. So auch bei Herrmann Gilm von Rosenegg (1812 – 1864): Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, / Die letzten roten Astern trag herbei / Und laß uns wieder von der Liebe reden /Wie einst im Mai.

_____________________
1 Rosa, Rosa Sale, Lili Marlene, The Biography of a song, ISBN 978-84-15767-61-9, S.7
≡ Navigation
 
↑ Seitenanfang