Lieblingsgedichte

Johann Lauremberg (1590 – 1658)

Beschluht thom Leser

(gekürzt)

Wol disse mine Rym werd lesen edder hören,
Segt wol, »wo hefft de Man sick laten so bedören,
Dat he noch sinen Stand, noch Older nimt in acht,
Vnd offentlyck ant Licht hefft sülke Fratzen bracht.
He hedde sine Tydt wol anders kont tho bringen,
Mit erenstlykemWerck, und velen nütten Dingen,
Daruth men scheppen kond Geschicklicheit und Lehr,
Vnd he ock sülvest würd erlangen Rohm und Ehr.«
Idt is al recht gesecht. Ick kan idt nicht vernenen,
Ick hed mit nütterWerck kont beter Loff verdenen,
Doch is idt ock gewis, dat men nicht alletydt
Kan an subtilitet anwenden sinen flydt.
Bißwilen schal men ock van schwarer Arbeit rüsten,
Vnd mit Schertzhaffticheit den möden Sinn belüsten.
Dat lehret de Natur. Ein Bage altydt gespant
Werd na gerade schlap, und breckt intwey tho handt.
[...]
Nemand is in der Schrifft so frömt, dat he nicht wete
Wat David hefft gedahn, de Köninck und Profete:
Do man des Heren Laed hadd wedder her gebracht,
Do dantzde he vörher, und sprunck mit aller Macht.
Vth frölicheit im Hern, he schlürde mit den Vöten,
So dat he sick ock quam vör Megden tho entblöten.
Wat Gott tho Ehren schüth, und nicht tho weddern geit
Dem löfflikem Gebruck und goder Erbarcheidt,
Dar mach ein framer Man sick billich mit erquicken,
Vnd desto frewdiger tho sinem Ampt sick schicken.
[...]
Dat föhle ick ock an my. Ick hebb nicht ane Sorgen
Studeret mangen Dach, bi Avendt und bi Morgen,
Dat mine heb ick gedahn. Wen nicht mehr trecken kan
Ein oldt Peerdt, so moet man ein junges spannen an.
Schold ick hernamals noch dar sitten in der Stuven,
Vnd uth den Bökern mehr Verstand und Wyßheit kluven,
Schold ick so forth und fohrt, in lengde und in de krüm
Mit so vel buntem Tüch myn Bregen wöhlen üm:
Vnd wat ick heb gedahn in minen jungen Dagen,
Mit Möye und suren Schweet myn Olderdohm nu plagen,
So würd myn schwacker Kop bald werden dul und dwas,
Ick würde bald hengahn und biten in dat Gras.
[...]
Wor is idt nütte tho, dat mennich foliant,
Des Name is unerhört, und weinigen bekandt,
Ja gantze Regiment Latiner sampt den Greken,
Dar stahn in sentinel in einer Bibliteken,
Se luren dar, und stahn al ferdig up den sprunck,
Nicht thom Gebruek und Noth, besündr thom Prael und
      prunck.
»De moet gelehrder syn als andere, und veel klöker,«
Secht de gemene Man, »wyl he hefft so vel Böker:
Eins andern glehrden Mans Verstand is nicht so schwaer,
Men kond en laden doch in eine Schuvekaer,
Men wat in disses Mans syn Hövet is begrepen,
Dat schold wol lading syn van velen Orlogs Schepen:
Twe hundertWagen dar wol kregen vulle Last:
My wundert dat syn Kop nicht barstet in der hast.«
[...]
Ditmal hefft disse Schertz my so behaegt vor allen,
Ein jeder Nar leth sick syn Kapken wol gefallen.

Rostocker von Geburt, weltläufig gebildet durch ausgedehnte Reisen in Holland, England, Frankreich und Italien, Doktor der Medizin, Professor der Poesie, Zeichner einer sorgfältigen und lange gebrauchten Karte Mecklenburgs, seit 1623 Professor der Mathematik an der dänische Ritterakademie in Sorø, Autor wissenschaftlicherWerke, lateinischer und hochdeutscher Tragödien, niederdeutscher, lateinischer und griechischer Gelegenheitspoesie, ein Hans Dampf in allen Gassen, so stellt sich uns der Barockdichter Johann Lauremberg dar.

Als Sorø an Bedeutung verlor, Laurembergs akademische Verpflichtungen, aber damit auch seine Einkünfte zurück gingen, sein Körper kränkelte, doch sein Geist ungebrochen blieb, verfasste er die Veer Schertz Gedichte, deren Nachwort hier auszugsweise wiedergegeben ist.

Erich Schmidt 1 würdigt sie folgendermaßen: „Sie kämpfen robust, saftig, zielsicher gegen das französische »Allemode« nach dem Wahlspruch »bi dem olden will ik bliven« und würden nur zu altfränkisch, reactionär, ja poesiefeindlich erscheinen, gäbe ihnen nicht die Berührung mit den horazischen Sermonen und das in I und II fein benutzte Motiv der Seelenwanderung eine höhere Geltung. Die Composition ist nachlässig mit Absicht, der Abschluß meist kunstlos, etwa ein phlegmatisch unmuthiges »it mach gahn als it geit«, »darüm ik numehr swige«. Das erste Gedicht straft allgemeiner Wandel und Manieren der Menschen, das zweite mit wuchtigen Hieben und hanebüchenen Belegen die äußerlichen Narrheiten der Kleidermode, das dritte in der gleichen polternden und anekdotenhaften Art und unter Empfehlung schlagender Abwehr die innerlichen Narrheiten der Sprach- und Titelvermengung, das vierte die Modepoesie durch Vorführung eines alten Bettelpoeten und ein Gespräch mit zwei Reimaristarchen.”

Man muss offenbar kein Wiener sein, um das Granteln zu einer Kunstform zu erheben.

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1 Schmidt, Erich, Artikel Lauremberg, Johann, in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 58–59, auf Wikisource (15.2.2014)
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