Lieblingsgedichte

Else Lasker-Schüler (1869 – 1945)

Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür …
Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.

Blau ist die Farbe, aus der Träume sind, und Erinnerungen, und Erinnerungs­träume. Blau war das outfit, in dem Wieland Herzfelde sie um 1900 bei einem Auftritt erlebte: „Sie hatte ein blaues Seidengewand an, silberne Schuhe, (auch) die Haare wie Seide, tiefschwarz.”1 Sie nannte sich Jussuf. erträumte sich eine orientalische Märchenwelt und redete in ihren Briefen Franz Marc als Blauen Reiter an.

Das alles ist endlos lange her, ein halbes Dichterleben. Was nicht alles geschehen ist! „Als Else Lasker-Schüler elf Jahre ist, stirbt ihr Lieblingsbruder; mit 21 verliert sie ihre Mutter. Sie heiratet zweimal, lässt sich zweimal scheiden. Die Hälfte ihres Lebens besitzt sie keine eigene Wohnung, sondern lebt völlig mittellos in Pensionen oder irgendwo zur Untermiete. 1927 stirbt ihr einziger Sohn an Tuberkulose. Und 1933 schließlich verlässt sie Deutschland, nachdem sie als Jüdin mehrfach zusammengeschlagen wurde.”2

Alles Vergangenheit! Vorbei ist der Traum von Zärtlichkeit, vom gemeinsamen Spiel vierer Hände. Die „Mondfrau”, sie selbst, hat ausgesungen. Vorbei der Traum von Erez Israel, dem gelobten Land. 1925, in den Hebräischen Balladen, hat sie sich noch hingesehnt, doch es ist ihr fremd geworden, seit sie, arm, alt und enttäuscht, nirgend anders mehr hin kann, seine Sprache nicht spricht und ihre Gedichte nicht öffentlich vortragen kann, weil Deutsch gerade – warum wohl? – verpönt ist. 1943 gelingt es mit Mühe, ihren letzten Gedichtband Das blaue Klavier in einer Auflage von 350 Stück erscheinen zu lassen.

Endlos kreisen die Gedanken und Träume um dieselben Erinnerungsfetzen, landen die Verse bei immer denselben Reimen. Wie Schemen huschen die Bilder umher, aber sie fügen sich nicht und ergeben nur noch Misstöne, „Geklirr”. Ihre Welt, ihre „Klaviatür”, ist in Stücken. Vom „bittern Brote” hat sie zeitlebens gegessen, schon vierzig Jahre früher dichtete sie:

Den Fluch, der mich durch's Leben trieb,
Begann ich, da er bei mir blieb,
Wie einen treuen Feind zu lieben.

Eine letzte verzweifelte Hoffnung bleibt: Wenn es einen Himmel gibt – – –

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1Deutschlandfunk (27.3.2021)
2Deutschlandfunhkultur (27.3.2021)
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