Lieblingsgedichte

Der von Kürenberg (12. Jahrh.)

Ich zôch mir einen valken

Ich zôch mir einen valken     mêre danne ein jâr.
dô ich in gezamete,     als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere     mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe     ûnd vlouc in ándèriu lant.
Sît sach ich den valken     schône vliegen,
er vuorte an sînem vuoze     sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere     alrôt guldîn.
got sende sî zesamene,     die gelíeb wéllen gerne sîn!'

Wikipedia 1 gibt dazu folgende neuhochdeutsche Übersetzung an:

Ich zog mir einen Falken, länger als ein Jahr lang.
Als ich ihn gezähmt hatte, wie ich ihn haben wollte,
und ich sein Gefieder mit Goldfäden schön umwunden hatte,
hob er sich in die Höhe und flog in fremde Reviere.
Seither sah ich den Falken schön dahinfliegen:
er führte an seinem Griff (Fuß) seidene Riemen,
und sein Gefieder war ganz rotgolden.
Gott sende sie zusammen, die einander gerne lieb sein wollen.

Ein paar Äußerlichkeiten vorab: Die langen Zeilen des Gedichts mit der Zäsur in der Mitte, aus der germanischen Stabreimdichtung stammend, sind in ihrer gereimten Form ein Markenzeichen des Kürenbergers. Bei dieser frühen Form des Endreims begnügt sich der Dichter oft mit dem Gleichklang der Vokale, sogenannten Assonanzen, wie in „jâr” und „hân”, „vliegen” und „riemen”. Die letzte Zeile ist verlängert und markiert so den Schluss.

Generationen von Germanisten haben sich mit diesem Gedicht auseinander gesetzt. Zu sicheren Einsichten sind sie trotzdem kaum gekommen, zu groß sind die Unsicherheiten, zu vielfältig die Möglichkeiten, zu unvollständig die Überlieferung. Plausibel erscheint mir, dass das Lied verfasst wurde von einem Mann, einem Angehörigen des niederen Adels, dass er in Bezug auf die Falknerei wusste, wovon er redet, dass er die Verse einer Frau in den Mund legt – die Beizjagd wurde auch von adeligen Damen gepflegt – und dass die letzte Zeile erkennen lässt: Es ist ein Liebesgedicht.

In die Aufzucht eines Jagdfalken muss man viel Zeit und Hingabe investieren, „mêre danne ein jâr”. Im Fluge kann man ihn nur an den bunten Fußfesseln, den „sîdîne riemen” erkennen. Das Federkleid des Falken ist grau oder braun, manchmal gesprenkelt, keinesfalls rot oder golden, so mag es allenfalls dem Auge der voreingenommenen Falknerin oder im Licht der tiefstehenden Sonne erscheinen. Bei jedem Freiflug kann es vorkommen, dass er nicht zum Arm der Falknerin zurückkehrt; wenn er „vlouc in ándèriu lant”, war die ganze Mühe der Aufzucht vergebens.

Diese Situation wird auf den Fall übertragen, dass eine Dame, die lange versucht hat, den geliebten Ritter an sich zu binden mit „sîdîne riemen”, mit Beweisen ihrer Huld, von diesem letztendlich verlassen wird. Der Schlussvers „got sende sî zesamene, die gelíeb wéllen gerne sîn!” – „möge Gott zusammen führen, die einander lieben wollen” – lässt ihre Gefühle in der Schwebe: Einerseits bittet sie, die ihn weiterhin liebt, um die Rückkehr des Geliebten, andererseits wünscht sie ihm Gottes Segen für den Fall, dass er woanders die Liebe findet. So schwankt sie zwischen Hoffnung und Entsagung.

Diese Unentschiedenheit ist es, die das Gedicht so ansprechend macht. Dazu kommt noch ein Weiteres: Wenn wir uns dieses Lied von einem Manne vorgetragen denken, ein Lied, in dem er nach seiner Vorstellung die liebenden Gedanken einer Dame formuliert, lässt er damit erkennen, wie er selber gern geliebt sein möchte, von ganzem Herzen, wenn er bleibt, getragen von guten Wünschen, wenn er sich entfernt. Wir wollen das jetzt nicht bewerten, schon im Mittelalter war die Liebe eine komplizierte Sache.

Das Nibelungenlied greift des Kürenbergers Bild vom Falken auf; auch dort wird der Verlust des Falken mit dem des geliebten Mannes gleichgesetzt. Die entsprechende Stelle lautet in der Nachdichtung von Karl Simrock 2:

Es träumte Kriemhilden · der ehrenreichen Maid,
Einen wilden Falken · zöge sie lange Zeit;
Den griffen ihr zwei Aare · daß sie es mochte sehn:
Ihr konnt' auf dieser Erde · größer Leid nicht geschehn.
Sie sagt' ihrer Mutter · den Traum, Frau Uten;
Die wüßt' ihn nicht zu deuten · als so der guten:
»Der Falke, den du ziehest · das ist ein edler Mann:
Ihn wolle Gott behüten · sonst ist es bald um ihn getan.«

Wer die Nibelungensage kennt, weiß, genauso ist es gekommen.

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1 Artikel Der von Kürenberg in Wikipedia (12.10.2021)
2 Simrock, Karl, das Nibelungenlied im Projekt Gutenberg (12.10.2021)
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