Lieblingsgedichte

Theodor Kramer (1897 – 1958)

Wer läutet draußen an der Tür?

Wer läutet draußen an der Tür,
kaum daß es sich erhellt?
Ich geh schon, Schatz. Der Bub hat nur
die Semmeln hingestellt.
Wer läutet draußen an der Tür?
Bleib nur; ich geh, mein Kind.
Es war ein Mann, der fragte an
beim Nachbarn, wer wir sind.
Wer läutet draußen an der Tür?
Laß ruhig die Wanne voll.
Die Post war da; der Brief ist nicht
dabei, der kommen soll.
Wer läutet draußen an der Tür?
Leg du die Betten aus.
Der Hausbesorger war’s; wir solln
am Ersten aus dem Haus.
Wer läutet draußen an der Tür?
Die Fuchsien blühn so nah.
Pack, Liebste, mir mein Waschzeug ein
und wein nicht; sie sind da.

Es ist der Schrecken, von dem man weiß, er wird kommen, aber nicht, wann. Man fühlt, dass man nichts dagegen tun kann. Bei jedem Läuten bleibt das Herz stehen: Ist es soweit? – Nach Hitlers Machtübernahme in Österreich musste Kramer, der schon im Vorfeld mundtot gemacht worden war, wegen seiner jüdischen Abstammung jederzeit damit rechnen, abgeholt zu werden. Ihm selbst gelang es im letzten Augenblick, das Land zu verlassen. Seine Mutter blieb und wurde 1943 in Theresienstadt ermordet.

Schon am Anfang kündigt sich das Ende an. Die Erleichterung, die sich in dem Wörtchen „nur” ausdrückt, lässt die Anspannung erahnen, und diese nimmt mit jeder Strophe zu. Man merkt, man wird überwacht. Ein Brief – Kündigung, Vorladung oder doch Ausreisegenehmigung – ist sicher schon unterwegs. Man ist unerwünscht und wird aus der Wohnung geworfen. Schließlich die Katastrophe.

Alltäglichen Verrichtungen, ein Bad vorzubereiten, die Betten zu lüften, sollen die Illusion von Normalität bewahren. Die sonst oft gedankenlos benutzten Anreden „Schatz”, „mein Kind”, „Liebste” bekommen etwas Beschwörendes, den verzweifelten Wunsch nach Halt und Nähe. Sie helfen auch, das Unübersehbare klein zu reden. Als das Befürchtete am Ende eintritt, bleibt nichts als Schicksals­ergebenheit, man kann ihm nicht entgehen. Die Augen erhaschen mit den blühenden Fuchsien ein letztes Bild des bisherigen Lebens. Nur die menschliche Anteilnahme erhält sich und ist noch im letzten Moment zu einem tröstenden „wein nicht” fähig.

Das alles ist kein Einzelschicksal, die einfache Sprache und der Volksliedton binden es ein in die kollektive Erfahrung von Ohnmacht und Ausgeliefert-Sein.

Cornelius Heil 1 fasst Kramers Leben so zusammen „Der Erste Weltkrieg raubte ihm die Jugend, der Nationalsozialismus Heimat und Existenz, das Klima der Nachkriegszeit den einstigen Erfolg. Dazwischen blieben ganze sieben Jahre, in denen er als freier Schriftsteller leben konnte und Österreichs erfolgreichster Lyriker war.” Das ist zurückhaltend formuliert. Kramer wurde im 1. Weltkrieg so schwer verwundet, dass er zeitlebens davon gezeichnet war. Im Exil in England konnte er kaum und ohne die Hilfe von Freunden gar nicht überleben. Nach Österreich, das ihn inzwischen vergessen hatte, kehrte er erst 1958 sterbenskrank zurück. Nur mehr drei Monate blieben ihm, eine Ehrenpension genießen.

Kramer wusste und akzeptierte, dass aus seinen Zeilen nicht Schönheit und Wohlklang, sondern die Dissonanzen seines Lebens sprechen. Nicht für den Feiersaal, für den Hinterhof hat er gedichtet:

Nicht fürs Süße, nur fürs Scharfe
und fürs Bittre bin ich da;
schlag, ihr Leute, nicht die Harfe,
spiel die Ziehharmonika.
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1 Heil, Cornelius, Für die, die ohne Stimme sind, nachzulesen unter austria-forum (8,5,2021)
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