Lieblingsgedichte

Sarah Kirsch (1935 – 2013)

Der Rest des Fadens

Drachensteigen. Spiel
für große Ebenen ohne Baum und Wasser. Im offenen Himmel
Steigt auf
Der Stern aus Papier, unhaltbar
Ins Licht gerissen, höher, aus allen Augen
Und weiter, weiter
Uns gehört der Rest des Fadens, und daß wir dich kannten.

Fäden gibt es aller Art: Bindfaden, Ober- und Unterfaden, roten, seidenen und verlorenen Faden, Ariadnefaden, Geduldsfaden und natürlich den Lebensfaden, den die Parzen abmessen und abschneiden. All diese Fäden kommen bei der Überschrift „Der Rest des Fadens” in den Sinn, doch entpuppt er sich beim Weiterlesen als simple Drachenschnur.

Die Schnur hat nicht gehalten. Kirsch ist 1977 davongeflogen, fort aus der DDR, hinüber nach Westberlin. In der DDR gehörte sie lange zu jenen Privilegierten, die als Aushängeschild des „real existierenden Sozialismus” in den Westen reisen durften. „ … trotz der Distanz zum gesellschaftlichen System der DDR, die in ihren Texten zum Ausdruck kommt, blieb Sarah Kirsch weiterhin ‚eine geförderte und anerkannte Dichterin’ ” heißt es bei Wolfgang Bunzel 1. „Ich weiche ab und kann mich den Gesetzen / Die hierorts walten länger nicht ergeben” beginnt ihr Gedicht Nachricht aus Lesbos, worin sie sich vordergründig in eine Schwester aus der Frauen­gemeinschaft der Sappho versetzt, die sich dem Gebot der Frauenliebe nicht länger unterwerfen mag.

Mit ihren Privilegien war es allerdings vorbei, als sie im November 1976 eine Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann mitunterzeichnete. „Sie wurde daraufhin sowohl aus der Partei als auch aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes ausgeschlossen und von den staatlichen Stellen gezielt unter Druck gesetzt.” 2 Von da an betrieb sie ihre Ausreise, indem sie alles unternahm, dem Regime lästig zu fallen. Sie berichtet selbst, dass sie „… den Leuten die Richtmikrophone aus der Tasche zog und immer fragte: ‚Haben Sie nicht einen grauenhaften Beruf?’ Da haben sie mich ganz schnell gehen lassen.” 3

Wäre das Gedicht in der DDR entstanden, hätte es dort sicher nicht veröffentlicht werden dürfen, zu unverhohlen beschreibt es den Traum vom Entkommen, wenn man es denn so lesen will. Tatsächlich aber ist es das erste Gedicht, das Kirsch nach ihrer Übersiedlung in den Westen verfasst hat. Diese war in ihren Augen keine Flucht, sie selbst bezeichnete sie ganz unspektakulär als „Wohnortwechsel”. Flucht ist also nicht das Thema, auch wenn es bis zur vorletzten Zeile so scheint.

Das Gedicht bezeichnet den Windvogel als „Stern aus Papier”. Ein anderer Stern, der Stern von Bethlehem, hat vor Zeiten drei Weisen den Wunsch eingegeben, sich auf die Reise zu machen und einem neugeborenen König zu huldigen. Auch Kirsch hatte einen solchen Wunschtraum, eine Utopie, die humane, gerechte, sozialistische Gesellschaft. Doch ihr Stern ist aus Papier, auf dem Papier sieht manches ganz anders aus, und Papier ist auch kein besonders haltbares Material. Im Gegensatz zum Stern der Weisen, der diese bis an ihr Ziel geleitete, hat sich Kirschs Stern, Kirschs Wunschtraum, in Luft aufgelöst. Sie verleugnet ihn nicht; es ist gut, sagt sie, „dass wir dich kannten”. Am Ende steht sie nicht mit völlig leeren Händen da; der „Rest des Fadens” ist ihre Reminiszenz an einen lang gehegten, nie ganz aufgegebenen Traum.

Richard Kämmerling 4 bemerkte in der WELT: „In solchen Versen erkannten sich auch im Westen all jene wieder, die den Verlust der Utopien beklagten und in der Kunst und der Poesie einen Ausweg aus allzu prosaischen Verhältnissen suchten.”

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1 Bunzel, Wolfgang, Exilerfahrung bei Sarah Kirsch, S.13, academia.edu (4.4.2021)
2 a. a. O., S. 15
3 a. a. O., S. 15
4 welt.de (3.4.2021)
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