Lieblingsgedichte

Anna Louisa Karsch (1722 – 1791)

An den Dohmherrn von Rochow

als er gesagt hatte, die Liebe müsse sie gelehret haben, so schöne Verse zu machen

Kenner von dem saphischen Gesange!
Unter deinem weissen Ueberhange
Klopft ein Herze, voller Gluth in dir!
Von der Liebe ward es unterrichtet
Dieses Herze, aber ganz erdichtet
Nennst du sie die Lehrerin von mir!
Meine Jugend ward gedrückt von Sorgen,
Seufzend sang an manchem Sommermorgen
Meine Einfalt ihr gestammelt Lied;
Nicht dem Jüngling thöneten Gesänge,
Nein, dem Gott, der auf der Menschen Menge,
Wie auf Ameishaufen niedersieht!
Ohne Regung, die ich oft beschreibe,
Ohne Zärtlichkeit ward ich zum Weibe,
Ward zur Mutter! wie im wilden Krieg,
Unverliebt ein Mädchen werden müßte,
Die ein Krieger halb gezwungen küßte,
Der die Mauer einer Stadt erstieg.
Sing ich Lieder für der Liebe Kenner:
Dann denk ich den zärtlichsten der Männer,
Den ich immer wünschte, nie erhielt;
Keine Gattin küßte je getreuer,
Als ich in der Sapho sanftem Feuer
Lippen küßte, die ich nie gefühlt!
Was wir heftig lange wünschen müssen,
Und was wir nicht zu erhalten wissen,
Drückt sich tiefer unserm Herzen ein;
Rebensaft verschwender der Gesunde,
Und erquickend schmeckt des Kranken Munde
Auch im Traum der ungetrunkne Wein.

Über die Karschin, wie sie von ihren Zeitgenossen genannt wurde, weiß Wikipedia1 zu berichten: „Die Gastwirtstochter wuchs nach dem Tode des Vaters ab 1728 bei einem Verwandten in Tirschtiegel auf, der ihr das Lesen und Schreiben sowie Grundkenntnisse in Latein beibrachte. 1732 holte ihre Mutter die ungeliebte Tochter zurück, da sie nun das Alter erreicht hatte, um ihr als Kindermädchen für die Stiefgeschwister, als Kuhhirtin und Magd von Nutzen zu sein.

Im Jahre 1738 schloss sie die Ehe mit dem Schwiebuser Tuchmacher Michael Hirsekorn, aus der vier Kinder hervorgingen. In dieser Zeit entstanden ihre ersten Gedichte, für die ihr gewalttätiger Mann kein Verständnis hatte. 1748 reichte er die Scheidung von seiner schwangeren Frau ein, weil sie ihren Pflichten im Haushalt nicht nachgekommen sei, und schickte sie ohne Unterstützung zu ihrer Mutter zurück. […]

1749 wurde sie von der Mutter mit dem Schneider Daniel Karsch aus dem polnischen Fraustadt verheiratet. Anna Louisa gebar weitere drei Kinder, aber auch diese Ehe war keinesfalls glücklich, denn Karsch war ein Trinker.” (Zitat Ende) Und er war ebenfalls gewalttätig; Gönner erreichten, dass er zum Militär eingezogen wurde. Um diese Zeit entstand das vorliegende Gedicht.

Nicht nur, dass sie darin den Irrtum richtig stellt, sie sei durch die Erfahrung glückerfüllter Liebe zu ihren Gedichten inspiriert worden. Sie findet auch klare Worte zu ihren Ehen, die sie zurückhaltend, aber deutlich als Vergewaltigung beschreibt. Nur in ihrer Phantasie kann sie die Liebe finden, die sie im wirklichen Leben nicht erfahren hat. Eine vorsichtige Annäherung an den Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 – 1803) wurde von diesem als aufdringlich zurückgewiesen. So bleibt ihr nur, sich an der reinen Vorstellung zu erfreuen, die ihr mundet wie im Traum der ungetrunkne Wein.

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1 Wikipedia (11.5.2020)
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