Lieblingsgedichte

Arno Holz (1863 – 1929)

Zwischen Gräben und grauen Hecken

Zwischen Gräben und grauen Hecken,
den Rockkragen hoch, die Hände in den Taschen,
schlendre ich durch den frühen Märzmorgen.
Falbes Gras, blinkende Lachen und schwarzes Brachland
so weit ich sehn kann.
Dazwischen,
mitten in den weissen Horizont hinein,
wie erstarrt,
eine Weidenreihe.
Ich bleibe stehn.
Nirgends ein Laut. Noch nirgends Leben.
Nur die Luft und die Landschaft.
Und sonnenlos, wie den Himmel, fühl ich mein Herz!
Plötzlich ein Klang,
Ich starre in die Wolken.
Ueber mir,
jubelnd,
durch immer heller werdendes Licht,
die erste Lerche!

Wie sich Wirklichkeit in einem Individuum spiegelt, ist Arno Holz bestrebt uns klar zu machen. Dazu löst er sich von allen überkommenen Formen, vermeidet Reim und Metrum und vertraut einzig und allein darauf, dass seine Worte das präzise wiedergeben, was er anschaut (oder imaginiert). Er hat dazu in dem 1899 erschienenen Buch Revolution der Lyrik eine eigene Lyriktheoerie dargelegt. Nachdem er die bisherige Lyrik als, ich verkürze, „Musik durch Worte als Selbstzweck” und „Rhythmus, der nicht nur Das lebt was durch ihn zum Ausdruck ringt, sondern den daneben noch seine Existenz als solche freut” charakterisiert hat, fordert er „eine Lyrik, die auf jede Musik durch Worte als Selbstzweck verzichtet und die, rein formal, lediglich durch den Rhythmus getragen wir, der nur noch durch das lebt, was durch ihn zum Ausdruck ringt.”1

Diesem Grundsatz folgt er in seiner Gedichtsammlung Phantasus, aus der das oben stehende Gedicht entnommen ist. Dazu merkt er an: „Die für den ersten Augenblick vielleicht etwas sonderbar anmutende Druckanordnung – unregelmäßig abgeteilte Zeilen und unsichtbare Mittelachse […] – habe ich gewählt, um die jeweilig beabsichtigten Lautbilder […] anzudeuten.”2 Laut lesen soll man also die Zeilen, dann reiht sich Eindruck an Eindruck, Bild an Bild, ein Schlaglicht springt von Einzelheit zu Einzelheit, jede für einen Augenblick ins Bewusstsein hebend und sie im nächsten verblassend zurücklassend, kurz: Jede Zeile eine Überschrift.

Es ist keine Naturromantik, die uns in diesem Gedicht entgegentritt. Es ist von Menschen gestaltete Umwelt, Gräben, Hecken, Brachland, eine Galerie von Kopfweiden. An allem hat sich der Wille zu Nutzung, zu Planung und Ertrag abgearbeitet, nicht immer zum Besten der Landschaft, wo falbes Gras und blinkende Lachen vorherrschen. Die Außentemperatur macht frösteln, aber auch die in Dienst genommene Kulturlandschaft, und nicht nur den Händen ist kalt, dem Herzen ebenso. Umso überraschender, wenn die Natur selbst doch noch in diese trostlose Kultursteppe einbricht und eine Lerche jubelnd in die Lüfte steigt.

Phantasus, den Titel seiner Gedichtsammlung, hat Holz von Ludwig Tieck (1773 – 1853) übernommen. Jochen Strobel3 erklärt: „Die titelgebende Leitfigur von Tiecks Textsammlung ist derjenige der Söhne des Somnus (also des Gottes des Schlafes), der in der antiken Mythologie für Traumgebilde der unbelebten Welt zuständig ist und vielleicht mit der Einbildungskraft identifiziert werden kann. Tiecks einleitendes Gedicht macht den Knaben Phantasus zum Führer durch das Reich der Poesie.”

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1 Holz, Arno, Revolution der Lyrik, S. 30, im Internet unter archive.org (17.2.2021)
2 a. a. O., S.35
3 Strobel, Jochen, Thomas Meißner überzeugt mit seiner Studie zu Ludwig Tiecks „Phantasus”, auf literaturkritik.de (17.2.2021)
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