Lieblingsgedichte

Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929)

Ballade des äußeren Lebens

Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
Und alle Menschen gehen ihre Wege.
Und süße Früchte werden aus den herben
Und fallen nachts wie tote Vögel nieder
Und liegen wenig Tage und verderben.
Und immer weht derWind, und immer wieder
Vernehmen wir und reden viele Worte
Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
Und drohende und totenhaft verdorrte …
Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
Einander nie? und sind unzählig viele?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
Was frommt das alles uns und diese Spiele,
Die wir doch groß und ewig einsam sind
Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
Was frommts, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der „Abend” sagt,
Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.

Hofmannsthal verwarf die ursprüngliche Überschrift Terzinen von der Dauer des äußeren Lebens und wählte stattdessen den Titel Ballade des äußeren Lebens. Das irritiert zunächst, denn von einer Ballade erwarten wir, dass sie uns ein besonderes, womöglich lehrreiches Ereignis, eine Heldentat oder einen Schicksalsschlag vor Augen stellt.

Nichts dergleichen hier. Und doch: eine Handlung wird auch hier ausgebreitet, beginnend mit der Kindheit und zulaufend auf den (Lebens-)Abend, das unwiderrufliche Ende. Wir erfahren das Aushalten des Menschenlebens in seiner Endlichkeit als ultimative Heldentat. Nicht ohne Grund benannte der erste Titel die Dauer des äußeren Lebens; Dauer ist zeitliche Begrenztheit.

Das Gedicht entstand zwischen 1894 und 1896. „Der damals 22-jährige Autor befand sich nach seinem Armeedienst in einer persönlichen Krise, in welcher ihn die Frage nach dem Sinn des Seins und des Lebens stark beschäftigte.” (Wikipedia, 11.10.2020)

Das Gedicht goss Hofmannsthal in die Form von Terzinen. Jede Strophe verweist mit ihrem Reimgeflecht auf die folgende, so könnte es immer weiter gehen. Tut es aber nicht, Anfang und Ende verweigern sich dem Schema. Der Anfang muss sich erst einmal in das System hineinfinden. Am Ende versickert alles, franst aus, noch ein letzter Reim im Nachklang, haben … Waben, und dann Schluss. Die Endlosigkeit, die die Terzinenfolge suggeriert, erweist sich als trügerisch.

Wie eine drohende Wolke hängt der Tod als wiederkehrender Gedanke über dem ganzen Gedicht: Kinder wachsen auf … und sterbentote VögelFrüchte liegen … und verderben – Städte gibt es totenhaft verdorrte (auch Gemeinwesen sind der Vergänglichkeit unterworfen) – wir erbleichenTiefsinn und Trauer rinnt aus dem Wort Abend, das das Ende des Tages, das Ende aller Tage, markiert.

Die Fragen, die sich uns aufdrängen, wozu sind … was wechselt …, verhallen ohne Antwort. Und schließlich: Was frommt, was hilft all unser Mühen, am Ende müssen wir doch selber und allein damit fertig werden.

Die Zeile Und dennoch sagt der viel, der „Abend” sagt hat sich längst zu einem geflügelten Ausspruch verselbständigt. Nicht nur Trauer rinnt aus dem gefühls­beladenen Wort Abend, sondern auch tiefer Sinn, das ersehnte Ausruhen nach des Tages Müh und Plage, ein stiller Feierabend. Die dunkle Wolke hellt auf und gibt der Hoffnung auf ein sanftes, sogar süßes Ausklingen Raum – wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.

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