Lieblingsgedichte

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843)

Lebenslauf

Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.
Aufwärts oder hinab! herrschet in heil’ger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?
Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Daß ich wüßte, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.
Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für alles lern’,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.

Hölderlins Gedanken paraphrasiert: Hast du dir nicht einst in den Kopf gesetzt, Außerordentliches zu vollbringen? Aber dann kam das Gefühl dazwischen, für andere da sein zu müssen, und hat deine hochfliegenden Pläne auf menschliches Maß zurück gestutzt.Wenn dich dann noch Schicksalsschläge heimsuchen, ist es kein Wunder, dass du versagst. Doch sei getrost: Was einmal in dir angelegt ist, wird em Ende wieder ans Licht kommen und dich an den dir gemäßen Platz stellen.

Sei es, wo immer, denn alles vollzieht sich nach inneren Regeln, auch wenn du sie nicht erkennen kannst. Herrschen doch solche Regeln auch, wo sich im Dunkel der Zeit die Zukunft vorbereitet, wo sich im Durcheinander unvereinbarer Möglichkeiten Linien nach Notwendigkeit emtwickeln.

So jedenfalls habe ich es erlebt. Nie ist alles derart glatt gegangen, wie es nach menschlichem Ermessen hätte gehen sollen. Ich hätte es mir so sehr gewünscht, aber es hat nicht sollen sein. Das hat aber auch sein Gutes. Erst wenn du vieles versucht und das meiste verworfen hast, kannst du den Weg finden, der sich zu einem erfüllten Leben führt, und dir gestattet, mit Herz und Verstand die dir gemäße Aufgabe zu wählen und kraftvoll anzugehen.

Seine eigene Biographie hat Hölderlin den Anlass zu dieser Ode gegeben. Als Hauslehrer bei der Frankfurter Bankiersfamilie Gontard verliebte er sich in die junge Ehefrau Susette und musste daraufhin das Haus verlassen. Er flüchtete nach Homburg zu seinem Studienfreund Isaac von Sinclair. Wegen seiner finanziellen Schwierigkeiten war er gezwungen, sich wieder als Hauslehrer zu verdingen.

Aber er konnte nirgends Fuß fassen, weder beim Kaufmann Gonzenbach in Hauptwil in der Schweiz, noch beim Hamburger Konsul Meyer in Bordeaux. Zu Fuß reiste er zurück und „erreichte Stuttgart […] in angeblich so verwahrlostem und verwirrtem Zustand, dass seine Freunde ihn zunächst kaum wiedererkannten. Spätestens hier erreichte ihn auch die Nachricht vom Tod Susettes, die am 22. Juni 1802 in Frankfurt an den Röteln gestorben war.” So Wikipedia (12.5.2020).

Hölderlin bleibt aber nicht stehen beim Lamentieren über die ihm widerfahrenen Schicksalsschläge, sondern wendet sie ins Allgemeine und sucht eine Antwort auf die Frage, warum das Ganze. Es ist ein Wunschtraum, den er hier beschreibt, der Wunsch, dass Ordnung herrscht im Kosmos und das Leben einen Sinn ergibt. Indem er ihn aber niederschreibt, räumt er bereits ein, dass das wohl meistens nicht der Fall sein dürfte.

Veröffentlicht wurde das Gedicht erst im Jahre 1826 durch Gustav Schwab und Ludwig Uhland, als Hölderlin schon längst geistig umnachtet im Turmzimmer in Tübingen dahinlebte.

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