Lieblingsgedichte

Georg Heym (1887 – 1912)

Die Ruhigen

Für Ernst Balcke

Ein altes Boot, das in dem stillen Hafen
Am Nachmittag an seiner Kette wiegt.
Die Liebenden, die nach den Küssen schlafen.
Ein Stein, der tief im grünen Brunnen liegt.
Der Pythia Ruhen, das dem Schlummer gleicht
Der hohen Götter nach dem langen Mahl.
Die weiße Kerze, die den Toten bleicht.
Der Wolken Löwenhäupter um ein Tal.
Das Stein gewordene Lächeln eines Blöden.
Verstaubte Krüge, drin noch wohnt der Duft.
Zerbrochne Geigen in dem Kram der Böden.
Vor dem Gewittersturm die träge Luft.
Ein Segel, das vom Horizonte glänzt.
Der Duft der Heiden, der die Bienen führt.
Des Herbstes Gold, das Laub und Stamm bekränzt.
Der Dichter, der des Toren Bosheit spürt.

Georg Heym, der Dichter der Angst und des Todes. Auch wo seine Gedichte nicht schon in der Überschrift den Tod berufen, handeln sie von Todesfurcht und Todesgraun, ja selbst der Zug der Wolken – in dem Gedicht Die Wolken – verwandelt sich unter seiner Feder in eine Prozession von Verstorbenen. Der vergebliche Versuch, dem Tode etwas Tröstliches abzugewinnen – Und dann gingen wir lässig, und freuten uns unserer Leiden, / Arme Spiegel, darin sich ein düsterer Abend fängt – bleibt doch in Moll und voll von unterdrückter Tragik. Wie eine Vorahnung klingt das alles auf den frühen Tod des Dichters, der mit fünfundzwanzig Jahren zusammen mit seinem Freund Ernst Balcke beim Schlittschuhlaufen ertrank.

Vorahnung scheint ihm auch bei seinem berühmtesten Gedicht Der Krieg – Auferstanden ist er, welcher lange schlief – die Hand geführt zu haben. Die Vision des Molochs Krieg entzündete sich an einem in der Rückschau eher zweitrangigem Anlass, dem Entsenden des deutschen Kanonenbootes Panther nach Agadir, was aber damals, 1911, große Kriegsangst hervor rief. Das unvorstellbare Grauen des ErstenWeltkriegs hat Heym gar nicht mehr erlebt und doch erschütternd vorweg genommen.

Auch in dem Gedicht Die Ruhigen kann er seiner Welt von Furcht und Tod nicht entkommen. Obwohl er so positiv beginnt und die verdiente Ruhe preist, gerät sie ihm unversehens zur Schlafes- und zur Todesruhe, zum Bild der Vergänglichkeit. Oder der Erstarrung – denkt man nicht bei dem steingewordnen Lächeln eines Blöden an die dämonischen Fratzen gotischerWasserspeier, die unter Schmutz und Moos unbeeindruckt den Jahrhunderten trotzen?

Dieses Hin- und Herschwanken, dies Ausloten der unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Formen von Ruhe gipfelt in der letzten Zeile, in der der Dichter, also er selbst, des Toren Bosheit spürt. Vorher hat er Ruhe bei anderen wahrgenommen, jetzt reiht er sich selbst er bei den Ruhigen des Titels ein, indem er welchen Toren auch immer ruhig gegenüber tritt. Aber welche Ruhe ist dann dies, ist es ruhiges Aushalten, erschöpftes Abwenden oder das Ruhe nur vortäuschende Luftanhalten, bevor es zur Explosion kommt, der unterdückte Zorn des Verkannten?

Verkannt war Heym ja eigentlich nicht. Er hatte in seinem kurzen Leben durchaus literarische Erfolge, sowohl mit seinen dramatischen Versuchen als auch mit seinen ersten Gedichten, in denen er die Unwirtlickeit der Städte in expressiven Bildern beschwört.

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