Lieblingsgedichte

Hermann Hesse (1877 – 1962)

Klage

Uns ist kein Sein vergönnt. Wir sind nur Strom,
Wir fließen willig allen Formen ein:
Dem Tag, der Nacht, der Höhle und dem Dom,
Wir gehn hindurch, uns treibt der Durst nach Sein.
So füllen Form um Form wir ohne Rast,
Und keine wird zur Heimat uns, zum Glück, zur Not,
Stets sind wir unterwegs, stets sind wir Gast,
Uns ruft nicht Feld noch Pflug, uns wächst kein Brot.
Wir wissen nicht, wie Gott es mit uns meint,
Er spielt mit uns, dem Ton in seiner Hand,
Der stumm und bildsam ist, nicht lacht noch weint,
Der wohl geknetet wird, doch nie gebrannt.
Einmal zu Stein erstarren! Einmal dauern!
Danach ist unsre Sehnsucht ewig rege,
Und bleibt doch ewig nur ein banges Schauern,
Und wird doch nie zur Rast auf unsrem Wege.

Wer ist Wir? Ein verklausuliertes Ich? Wir Künstler? Oder doch wir alle? Das Gedicht wird in Hesses Glasperlenspiel als Werk des jugendlichen Josef Knecht ausgegeben. Einem jugendlichen Dichter nimmt man es ab, wenn er seine eigenen Wahrnehmungen und Befindlichkeiten auf die ganze Welt projiziert.

Die Zuschreibung wird durch manche Eigenart in Gedanke und Ausdruck unterstrichen. Die Formen, in die einzufließen er erduldet, sind ein wenig summarisch abgehandelt als Tag und Nacht, Höhle und Dom. Mögen Höhle und Dom noch für (wilden) Urmenschen und (gezähmten) Christen­menschen stehen, muss man sich schon sehr anstrengen, Tag und Nacht als Seinsformen zu deuten, mir kommen sie wie Allerwelts-Floskeln vor.

Es bleibt offen, wie er's denn gern hätte. Außer einem Leben als „fröhlicher Landmann” kommt ihm keine Alternative zu seinem als unentschieden und unfertig empfundenen Dasein in den Sinn. Das alles ist noch ein wenig ungelenk und nicht zu Ende gedacht.

Auf der anderen Seite gelingt ihm mit der Vorstellung vom spielenden Gott ein überraschendes und wunderbares Bild. Ich frage mich, denkt er dabei an den biblischen Schöpfer, der Adam aus Staub und Erde machte, oder mehr an Prometheus und seine Ansage „Hier sitze ich, forme Menschen nach meinem Bilde, […] zu leiden, zu weinen, zu genießen und zu freuen sich” (Goethe) – wobei der fiktive Dichter gerade Letzteres in Abrede stellt.

Das Glasperlenspiel ist ein Alterswerk Hesses. Dieser zeigt uns im Verfasser der Klage einen Menschen mit vielfältigen Anlagen, der noch auf der Suche nach sich selbst und seiner Rolle im Leben ist und der unter dieser Unschlüssigkeit leidet.

Auch das berühmtere Gedicht Stufen wird im Glasperlenspiel als Jugendwerk des Josef Knecht dargeboten. Da ist er dann schon einen Schritt weiter und vertraut darauf, in den vielfältigen Durchgangsstadien einen Sinn und eine Ordnung zu finden, die ihn seinem jetzt noch unbewussten Ziel näher und näher bringen:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
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