Lieblingsgedichte

Heinrich Heine (1797 – 1856)

Gib her die Larv’

Gib her die Larv’, ich will mich jetzt maskieren
In einen Lumpenkerl, damit Halunken,
Die prächtig in Charaktermasken prunken,
Nicht wähnen, ich sei einer von den Ihren.
Gib her gemeine Worte und Manieren,
Ich zeige mich in Pöbelart versunken,
Verleugne all die schönen Geistesfunken,
Womit jetzt fade Schlingel kokettieren.
So tanz ich auf dem großen Maskenballe,
Umschwärmt von deutschen Rittern, Mönchen,
      Kön’gen,
Von Harlekin gegrüßt, erkannt von wen’gen.
Mit ihrem Holzschwert prügeln sie mich alle.
Das ist der Spaß. Denn wollt ich mich entmummen,
So müßte all das Galgenpack verstummen.

So geht es in der Welt zu: Jeder will mehr scheinen als sein. Damit niemand auf die Idee kommt, auch das Gedicht-Ich hielte es so, verbirgt es sich ebenfalls, aber in Selbst-Erniedrigung. Doch das Kokettieren mit der vorgetäuschten Minderwertigkeit verhüllt nur notdürftig, dass es von den „richtigen” Leuten liebend gern erkannt werden möchte.

Das Gedicht ist eines von neun, denen Heine die gemeinsame Überschrift Fresko-Sonette an Christian S. gegeben hat. Fresko-Malerei ist eine Malerei auf frischem Putz, die noch am Tag des Putzauftrags abgeschlossen sein muss. Die Camouflage der Gedichte beginnt schon mit diesem Titel. Er suggeriert, sie seien mit leichter Hand hin geworfen; dem widerspricht, wie sorgfältig die Form dieses Sonetts ausgearbeitet ist.

Die Zeilen sind jambische Fünfheber mit weiblicher Endung (◡—◡—◡—◡—◡—◡), das Reimschema ganz klassisch (abba abba cdd cee). Auch das Spiel mit These und Antithese wird durchexerziert: In den beiden Vierzeilern wird dargelegt, wie und warum das Verbergen erfolgt; in den Dreizeilern stürzt sich der „Lumpenkerl” ins Maskengetümmel.

Auch eine andere Einteilung ist denkbar: Das Reimschema weist hin auf eine Anordnung in drei Vierzeiler und einen Zweizeiler (abba abba cddc ee) wie im englischen Sonett. Der Zweizeiler, wirklich ein heroic couple, erweitert die Maskierung und droht mit „Entmummen” und Mundtot-Machen.

Bei aller Rüpelhaftigkeit wird hier sehr elegant und witzig räsonniert, Florett, nicht Säbel: Seiner Verachtung haben diejenigen nichts entgegen zu setzen, „die prächtig in Charaktermasken prunken”, und schon gar nicht helfen die vermeintlich tollen Aperçus, „mit denen fade Schlingel kokettieren”.

Da Heine die Fresko-Sonette seinem Schul- und Studienfreund Christian Sethe zugeeignet hat, dürfen wir sie wohl als Selbstauskunft ansehen. Wenn dem so ist, wenn wir es hier mit Heine selber zu tun haben, der mit derber Wortwahl Feingeister zu verschrecken sucht, konterkariert er diese Absicht dadurch, dass er sie in der gefälligen Form des italienischen Sonettes vorträgt – auch mit dieser Maske wird geprunkt. So tritt hier in einem Gedicht Heines doppeltes Antlitz zu Tage, das des gefühlvollen Poeten („Ich weiß nicht, was soll es bedeuten”) und das des beißenden Kritikers der politischen und gesellschaftlichen Zustände („Im düstern Auge keine Träne, / Wir sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne.”).

Noch – das Gedicht entstand vor 1826 – fühlt er sich nur mit dem Holzschwert geprügelt. Doch Anfeindungen und Zensur machen ihm zusehends zu schaffen, so dass er 1831 nach Frankreich übersiedelt, sich aber zeitlebens nach Deutschland zurücksehnt, und das, obwohl es doch die „deutschen Ritter, Mönche, Kön'ge” sind, die ihn jetzt schon malträtieren.

Noch macht es ihm Spaß, mit denen die Klingen zu kreuzen. Leider nicht mehr lange. Er weicht und leidet. Alexandre Dumas sah das so: „Wenn Deutschland Heine nicht liebt, nehmen wir ihn gerne auf, aber leider liebt Heine Deutschland über Gebühr.” 1

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1 Artikel Heinrich Heine in Wikipedia, (30.5.2021)
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