Lieblingsgedichte

Karoline von Günderrode (1780 – 1806)

Der Luftschiffer

Gefahren bin ich in schwankendem Kahne
Auf dem blaulichen Oceane,
Der die leuchtenden Sterne umfließt,
Habe die himmlischen Mächte begrüßt.
War, in ihrer Betrachtung versunken,
Habe den ewigen Aether getrunken,
Habe dem Irdischen ganz mich entwandt,
Droben die Schriften der Sterne erkannt
Und in ihrem Kreisen und Drehen
Bildlich den heiligen Rhythmus gesehen,
Der gewaltig auch jeglichen Klang
Reißt zu des Wohllauts wogendem Drang.
Aber ach! es ziehet mich hernieder,
Nebel überschleiert meinen Blick,
Und der Erde Grenzen seh' ich wieder,
Wolken treiben mich zurück.
Wehe! Das Gesetz der Schwere
Es behauptet nur sein Recht,
Keiner darf sich ihm entziehen
Von dem irdischen Geschlecht.

Es ist schwer, Günderrodes Gedichte von ihrer traurigen Lebensgeschichte zu trennen. Als Tochter verarmter Adliger siebzehnjährig in ein Damenstift abgeschoben, war sie in ihrem Hunger nach Bildung auf Freunde und Gönner angewiesen. Eine erste Sammlung von Gedichten und Prosastücken wurde, unter Pseudonym erschienen, erst gepriesen, nach Offenlegung ihrer Urheberschaft als unweiblich verrissen. Zweimal in hoffnungsloser Liebe entflammt, müssen nach Bettina Nohl 1 „Erklärungsversuche vor der Tiefe der Verzweiflung kapitulieren. Eine unglückliche Liebe als Katalysator für den Ausbruch dieser Verzweiflung? Zumindest steht hier einmal mehr die Unmöglichkeit, ohne Liebe leben zu können, gegenüber der unmenschlichen Forderung, ohne Liebe leben zu müssen.” „Aus unglücklicher Liebe, aber auch belastet von dem unlösbaren Konflikt zwischen ihrem Freiheitsbedürfnis und der Frauenrolle der damaligen Zeit, erdolchte sie sich selbst am Flussufer in Winkel (Rheingau).” 2

Über ihre Gedichte befand Wolfgang Koeppen 3: „Wie ihre Verfasserin waren die Gedichte nicht fest verbunden dieser Erde. Sie erhoben sich gern in die Lüfte. Schwebten davon.” Das tut ihr Gedicht „Der Luftschiffer” im wörtlichen Sinne. 1783 flog die erste Montgolfiere und erschloss den Menschen ganz neue Erfahrungen. Heißluft- und Gasballons faszinierten das Publikum. Sie waren allerdings immer noch den Elementen hilflos ausgeliefert, erst fünfzig Jahre später gelang es, ein steuerbares Luftschiff zu konstruieren.

Die Faszination des nie dagewesenen Sich-Loslösens von der Erde lag buchstäblich in der Luft. Auch Jean Paul konnte sich ihr nicht entziehen und beschrieb in Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch um 1800 in der Ich-Form wie die Günderrode das überwältigende Erlebnis des Fliegens, bei ihm allerdings durch feine Ironie geerdet. Etwa in dieser Zeit ist auch das obige Gedicht entstanden.

Es zerfällt in zwei gegensätzliche Abschnitte. Bis zur zwölften Zeile, bis zu „des Wohllauts wogendem Drang” bestimmen zwar nicht ausschließlich, aber reichlich eingestreute Daktylen (—◡◡) den Rhythmus der Verse. Im 3/4-Takt, tänzerisch, traumverloren hebt das Ich sich über sich selbst hinaus. In ekstatischer Schau wird es der „himmlischen Mächte”, des „ewigen Aether[s]”, der „Schriften der Sterne” gewahr und lässt sich in ihren „heiligen Rhythmus” hinein ziehen. Ganz neue mystische Erfahrungen eröffnet das Fliegen, das Schweben. Die moderne Raumfahrt hat außer science fiction nichts dergleichen hervor gebracht, im Gegenteil, sie verschrieb sich der Entzauberung des Himmels. In der Zeit der Romantik konnte die unerhörte neue Technik noch an die Seele rühren, die Günderrode zeigt es.

Aber sie verliert sich nicht, hier nicht. Ab „Aber ach!” kehrt sie zur Erde zurück, das „Gesetz der Schwere” behält die Oberhand. Der resignierten Feststellung „Keiner darf sich ihm entziehen,” kann man das Bedauern über die Rückkehr ansehen. Um den Gegensatz der Abschnitte zu betonen, wird hier von Daktylen zu Trochäen (—◡) und vom Paarreim zum Kreuzreim gewechselt. Der Trochäen stumpfes Stampfen signalisiert ein festes Auftreten, die Abkehr von Traum und Ekstase.

Günderrode ist selbst niemals geflogen, das wäre ihr, auch wenn sie es gewollt hätte, damals als Frau nicht möglich gewesen. Wie andere sich einen poetischen Orient ausmalten, sich in geträumte Urwälder oder eine verzauberte Vergangenheit verloren, phantasiert sie sich in eine Gefühlswelt des Sich-Erhebens hinein, eine Gefühlswelt, die dem echten Ballonfahrer weitgehend verwehrt blieb, weil er während des Fluges seine ganze Aufmerksamkeit den technischen Abläufen widmen musste, er ja auch den Sternen in Wirklichkeit kein bisschen näher kam.

Damit kommen wir am Ende doch wieder zu einer Einheit von Poesie und Leben. Es geht in dem Gedicht nicht in erster Linie um einen Ballonflug, Günderrode beklagt ihr eigene Lage. Der Höhenflug der Seele hebt sie über alles Irdische hinaus in eine Welt des Erhabenen, Vollkommenen, Ewigen und Unendlichen, wo sie sich in Harmonie mit dem Weltganzen weiß. Aber diese Erhebung ist nur vorübergehnd, am Ende landet sie immer wieder unsanft in der harten Wirklichkeit.

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1 Nohl, Bettina, „In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen” – Über Karoline von Günderrode, aus: Literaturfreundin (26.10.2021)
2 Artikel Karoline von Günderrode in Wikipedia (26.10.2021)
3 Koeppen, Wolfgang, Die elenden Skribenten. Aufsätze. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt (Suhrkamp) 2. Aufl. 1983, S. 249-251, im Internet hier (29.10.2021)
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